Stand: 25.10.2018 12:40 Uhr

Zwei bizarre und fremde Welten

Der Wilde
von Guillermo Arriaga, aus dem Spanischen von Matthias Strobel
Vorgestellt von Ulrike Sárkány
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Guillermo Arriaga wurde 1958 in Mexiko City geboren und studierte dort Kommunikation und Geschichte.

In diesem Herbst war schon des Öfteren die Rede von dicken - manchmal auch viel zu dicken - Büchern. Jetzt kommt wieder ein neuer "Ziegelstein" in die Buchhandlungen. "Der Wilde" von Guillermo Arriaga hat knapp 750 Seiten. Jede einzelne davon kann mit großer Spannung und Begeisterung verschlungen werden.

Zwei zunächst unabhängige Stränge

Dieses Buch führt in gleich zwei Welten, die bizarr und fremd sind und die einem den Atem stocken lassen. Anfangs wirkt es so, als würden die zwei Stränge ganz unabhängig voneinander nebeneinander her erzählt, bis man irgendwann auf der Mitte des Buches begreift, dass die Geschehnisse in Mexico City und die im hohen Norden Kanadas ein entscheidendes Bindeglied haben - und am Ende, so viel sei verraten, werden die zwei Erzählstränge sehr elegant zusammengeführt. Guillermo Arriaga ist nicht nur als mexikanischer Schriftsteller, sondern auch als Drehbuchautor und Filmemacher international bekannt.

"Für mich ist beides Literatur: Film und Roman", sagt Arriaga. "Deshalb, weil ich bei beiden für jeden Dialog und jede Struktur die gleiche Sorgfalt aufwenden muss. Es gibt für mich also gar keinen großen Unterschied, außer vielleicht dem, dass ich beim Film immer eine dritte Person brauche und beim Roman immer eine erste Person."

Auslöschung einer ganzen Familie

Im Roman "Der Wilde" ist die erste Person, die die Geschichte erzählt, der anfangs 14-, später 17-jährige Juan Guillermo Valdés, dessen Familie komplett ausgelöscht wurde. Eben noch war er lediglich von der Tatsache belastet, dass sein Zwilling im Mutterleib gestorben war. Doch dann, am Tag der Mondlandung vom 21. Juli 1969, wird sein älterer Bruder Carlos, während die Eltern gerade eine Europareise machen, von einer Gruppe fanatischer Frömmler umgebracht, weil er als LSD- und Morphium-Dealer in ihren Augen die Eliminierung verdient. Diese sogenannten "guten Jungs" bringen Tod und Verderben in das bis dahin beschauliche Mittelstandsviertel Unidad Modelo.

Ich nutze eigene Erfahrungen, Sachen, die ich selbst erlebt habe oder die Leute, die ich kannte, erlebt haben", erklärt Arriaga. "Daraus mache ich eine Geschichte, die von Liebe und Freundschaft, von Tod und Zerstörung handelt. Ich glaube, dass es eine romantische Geschichte ist, die an die Menschlichkeit glaubt, die von der Widerstandskraft des menschlichen Wesens erzählt."

Mexiko City und Kanadische Wildnis als Schauplätze

Nachdem auch die Eltern und die Großmutter des Ich-Erzählers gestorben sind, bleibt er allein im Haus zurück. Parallel zu seiner Geschichte erfahren wir von einem Inuit, der in den Wäldern Kanadas einem großen Wolf nachjagt. Guillermo Arriaga war zuerst selbst überrascht über diesen Einfall. Bis er den Roman endlich veröffentlichte, hat er ihn acht Mal umgeschrieben. Herausgekommen ist ein fesselndes Mosaik von Kapiteln, in denen diese beiden Erzählstränge vorangetrieben werden, und von zusätzlichen Einsprengseln mit mythischen oder anthropologischen Informationen aus allen Teilen der Welt.

Ein Wolfshund soll eingeschläfert werden

Da der Ich-Erzähler ein lesehungriger junger Mann ist, der von seinem großen Bruder viele Bücher geerbt hat, ahnt man irgendwann, dass es sich um seine Lesefrüchte handelt. Weil er mit zwei Wellensittichen und einem Boxer allein geblieben ist, kann er es nicht ertragen, dass die Nachbarn ihren Wolfshund, der immer an der Kette liegt und äußerst bissig ist, einschläfern lassen wollen. Er erzwingt, dass sie ihm das Tier überlassen. Hat das alles eine metaphorische Bedeutung? "Nein, das ist keine Metapher. Mir gefallen einfach die Tiere", sagt Arriaga. "Ich bin mit vielen Tieren aufgewachsen, zusammen mit meinen Eltern und meinen Brüdern. Ich habe eine genuine Liebe zu Tieren."

Romantisch, brutal - und lesenswert

"El salvaje" - "Der Wilde" heißt dieser Roman, und man weiß am Ende nicht genau, ob damit der junge Held oder sein Wolf gemeint ist. Denn es stellt sich heraus, dass es sich bei dem gefährlichen Nachbarhund um einen echten Wolf aus Kanada handelt, der völlig falsch behandelt wurde. Juan Guillermo findet zum Glück Menschen, die ihm behilflich sind. Allen voran einen Zirkusdompteur, der ihm zeigt, wie man mit einem Wolf umgehen muss und ihm auch sonst ein väterlicher Freund wird. Und auch die frühere Freundin seines Bruders wird seine treue Gefährtin.

Ja, diese Geschichte ist romantisch, aber sie ist an vielen Stellen auch äußerst brutal. Und keine einzige der Figuren in diesem Roman ist ganz ohne Makel. So kommt es, dass man einen zähnefletschenden Wolf nachher keineswegs für etwas besonders Böses hält. Wirklich lohnende Lektüre!

Der Wilde

von
Seitenzahl:
746 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Klett-Cotta
Bestellnummer:
978-3-608-96177-5
Preis:
26,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 26.10.2018 | 12:40 Uhr

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