Stand: 18.07.2019 13:45 Uhr

Tragische Liebesgeschichte in bewegter Zeit

Ursula
von Gottfried Keller
Vorgestellt von Anja Dolatta
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Die Neuauflage ist mit hochwertigen Grafiken von Hannes Binder illustriert.

Seinen "Grünen Heinrich" zählte Marcel Reich-Ranicki zu den 20 bedeutendsten Romanen in deutscher Sprache: Der Schweizer Schriftsteller Gottfried Keller wäre am 19. Juli 200 Jahre alt geworden. In seiner Heimatstadt Zürich wird in diesem Jahr aber noch ein weiteres Jubiläum gefeiert, nämlich 500 Jahre Zürcher Reformation.

Was läge da näher, als Kellers weniger bekannte Erzählung "Ursula" wiederzuentdecken, eine tragische Liebesgeschichte inmitten der Religionswirren des 16. Jahrhunderts? Illustriert von Hannes Binder entfaltet der Text auch heute noch eine mystische Atmosphäre.

Die Reformation hält in der Schweiz Einzug

"Wenn die Religionen sich wenden, so ist es, wie wenn die Berge sich auftun." Schon der erste Satz von Gottfried Kellers Erzählung lässt das Unheil erahnen, das sich im Jahre 1523 über der Schweiz zusammenbraut. Noch hat Hansli Gyr, der viele Jahre als Söldner durch Italien gezogen ist, keine klare Meinung zu der Reformationsbewegung in seiner Heimat gefasst.

Zu müde ist er des Krieges und zu groß ist die Sehnsucht nach seiner Jugendliebe Ursula, die auf dem Nachbarhof im Zürcher Oberland auf ihn wartet. Bei seiner Rückkehr wird er von der jungen Frau überschwänglich empfangen - ein Verhalten, das Hansli regelrecht zurückschrecken lässt, bietet Ursula doch so freimütig ihre Liebe an, als wären sie bereits ein getrautes Paar. Er wird misstrauisch.

Wie sie nun, an seinem Halse hangend [sic!], die Augen zu ihm aufschlug, sah er darin ein sanftes, sinnliches Feuer glühen, aber zugleich auch die Flamme des Irrlichts, welche die Bescheidenheit dieser Seele versengt hatte, und er merkte, dass sie von der Wahnkrankheit befallen war wie eine süße Traube vom Rost. Leseprobe

Bewegung mit radikalen Ansichten

Bald wird Hansli klar, dass Ursula sich der Täuferbewegung angeschlossen hat, einer Abspaltung der Reformation, die radikale Ansichten verbreitet. Besorgt um den Geisteszustand der Geliebten, der durch die rabulierenden Lokalpropheten immer wirrer wird, sucht er den Reformator Huldrych Zwingli auf, der ihn rasch in seinen Bann zieht. Im Auftrag der Reformation soll Hansli nun hart gegen die Wiedertäufer vorgehen - auch gegen seine ehemalige Braut.

Da nun aber diese Betörten durch die Wendung der Dinge als Verbrecher und Verurteilte erschienen, wendeten seine Gedanken sich schmerzlich ringend von seiner Neigung und von der Ursula weg, und er ließ sie ungesehen vorüberwandeln. Leseprobe

Ein literarisches Denkmal für Zürich

Mit der Erzählung "Ursula" setzte Gottfried Keller, der kurz zuvor zu Zürichs Staatsschreiber ernannt worden war, seiner Heimatstadt ein literarisches Denkmal. 1819 geboren, hat er in Zürich einen Großteil seines Lebens verbracht, bis er 1890 ebendort starb.

Am bekanntesten ist der Landschaftsmaler und Politiker heute für seine Dichtung, vor allem den autobiografischen Roman "Der grüne Heinrich" sowie seine satirischen Novellen. Ein wiederkehrendes Thema bei Keller ist das bürgerliche Leben, dessen närrische Auswüchse er unter anderem in "Die Leute von Seldwyla" liebevoll karikierte. Und auch die Wiedertäufer um Ursulas Vater Enoch Schnurrenberger kriegen Kellers Spott zu spüren - wenn auch weitaus schonungsloser.

Vier oder fünf solcher von der Wärme der Zeit ausgebrütete Winkelseher hielten bei dem Schnurrenberger eine erbauliche Sprachversammlung. Sie hielten sich sämtlich für sogenannte Durchschauer und frönten der schlechten Gewohnheit solchen Anblinzelns, welches immer entweder einen Schelmen oder einen eingebildeten Narren verrät, ehrlichen und anständigen Menschen aber unverständlich und widerwärtig ist und ihnen das Gefühl erweckt, als wenn sie von Ungeziefer bekrochen würden. Leseprobe

Grafiken greifen die symbolträchtige Sprache auf

Mit großer Sorgfalt bettet Gottfried Keller seine fiktive Liebesgeschichte zwischen historische Persönlichkeiten und Ereignisse ein. Dass hiermit in erster Linie der Lokalstolz bedient und ein Bekenntnis zur reformatorischen Lehre geleistet werden sollte, ist nicht zu übersehen. Den heutigen Leser dürften daher vor allem die Schilderungen der ins Absurde abdriftenden Täuferlehren reizen, die Keller wirkungsvoll beschreibt.

Dass sich die hochwertige Neuauflage des gemeinfreien Textes lohnt, liegt jedoch vor allem an den Illustrationen, die der ebenfalls aus Zürich stammende Künstler Hannes Binder beigesteuert hat. Die in der Schabkarton-Technik entstandenen Bilder greifen die symbolträchtige Sprache spielerisch auf und lassen trotz der düsteren Grundstimmung auch das Komische und Groteske in Kellers Erzählung nicht zu kurz kommen.

Ursula

von
Seitenzahl:
128 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
Mit Illustrationen von Hannes Binder.
Verlag:
Galiani-Berlin bei Kiepenheuer & Witsch
Bestellnummer:
978-3-86971-199-7
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 19.07.2019 | 12:40 Uhr

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