Georges Simenon: "Maigret und die kopflose Leiche" (Cover) © Kampa

Krimi von Georges Simenon: "Maigret und die kopflose Leiche"

Stand: 14.12.2021 16:23 Uhr

Als wirklich "neu" im Wortsinne kann man das Buch nicht anpreisen, denn es handelt sich um einen Maigret-Roman von Georges Simenon, einem der größten französischsprachigen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts.

Georges Simenon: "Maigret und die kopflose Leiche" (Cover) © Kampa
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von Alexander Solloch

"Maigret und die kopflose Leiche" heißt der folglich nicht ganz neue, aber doch immerhin von Brigitte Große neu übersetzte Roman, der gerade mit einem ganzen Schwung weiterer Maigrets im Rahmen der Simenon-Gesamtausgabe beim Züricher Kampa-Verlag erschienen ist. Geschrieben hat ihn Simenon 1955 und angesiedelt in Maigrets unmittelbarem Revier, in Paris an den Ufern der Seine.

Der Kriminialfall erscheint anfangs wenig ungewöhnlich

Dies könnte ein völlig unbedeutender Kriminalfall sein, einer, der keinen Pariser Ermittler in große Erregung versetzt: In der Seine schwimmt eine Leiche, eine Leiche ohne Kopf. Das kommt ja leider gelegentlich vor. Jules Maigret, der wortkarge Kommissar, zieht lustlos an seiner Pfeife und denkt, eigentlich könnten sich die niederrangigen Kollegen darum kümmern. Aber es ist schon fast Mittag, also zieht es ihn in eine Kneipe. An Orten wie diesem trifft Maigret grundsätzlich seine großen Entscheidungen. Die Wirtin kommt aus dem Hinterzimmer und treibt ihm die Lustlosigkeit aus:

Beim Eintreten steckte sie noch die letzten Nadeln in ihr dunkles, fast schwarzes Haar. Sie war mager, alterslos, zwischen vierzig und fünfundvierzig vielleicht, und schlurfte mit mürrischem Gesichtsausdruck auf Filzpantoffeln über die roten Fliesen.
"Was nehmen Sie?"
"Ist Ihr Weißwein genießbar?"
Sie zuckte mit den Schultern. In ihrer Jugend war sie wohl hübsch. Nun aber sprach aus ihren Augen, ihrem Gesicht, ihrem ganzen Körper nur noch Müdigkeit.
"Ihr Wein ist gut", sagte Maigret, und das stimmte. Leseprobe

Wein spielt in Maigrets Ermittlungen eine wichtige Rolle

Der Wein (der später noch Gesellschaft von gutem Cognac bekommt) ist als Handlungs- und Empfindungsbeschleuniger der tatsächliche Protagonist dieses Kriminalromans. Zunächst bestärkt er Maigrets Bauchgefühl, dass an dieser Wirtin, Madame Calas, irgendetwas vorläufig Unbestimmbares interessant sein könnte.

Dann weckt er in ihm die Ahnung, dass sie vielleicht sogar mit der Leiche im Fluss in Verbindung steht. Alles Intuition, reine Intuition - und bester Wein: Der bringt so ein paar interessante Tatsachen ans Licht, etwa die, dass sich der Mann der Wirtin vor ein paar Tagen in ein Weinanbaugebiet nahe Poitiers aufgemacht hat, um eine neue Lieferung für die Kneipe zu bestellen. Aber zurückgekehrt ist er nicht. Also muss er als vermisst gelten - und ist vermisst zu sein nicht auch eine der auffälligsten Eigenschaften kopfloser Leichen? Jetzt wird der Fall doch noch interessant.

Maigret findet die Wirtin in gewisser Weise verdächtig

"Der Mensch kommuniziere nur sehr mangelhaft mit Worten", sagte Simenon einmal. Maigret und die Frau, die er früh mindestens als Zeugin, vielleicht gar als Verdächtige identifiziert, Maigret also und Madame Calas kommunizieren gleichsam mit Wein. Beinahe ist es lustig zu verfolgen, wie den Kommissar das gepflegte Trinken vom frühen Vormittag bis tief in die Nacht von Erkenntnis zu Erkenntnis führt, während er sich gleichzeitig halbwegs besorgte Gedanken über den Alkoholismus der Wirtin macht:

Sie trank also. Aber er hätte darauf schwören können, dass sie nie betrunken war und niemals die Kontrolle über sich verlor. Wie alle wahren Trinker, denen die Medizin nicht helfen kann, trank sie mit Maß und Ziel, um einen bestimmten Zustand aufrechtzuerhalten, nämlich diese schlafwandlerische Gleichgültigkeit. Leseprobe

Kein bedeutender Krimi, aber ein atmosphärisches Glanzstück

Georges Simenon erzählt hier mit seiner wundersamen und wundervollen Lakonie von einem vordergründig unspektakulären Verbrechen, hinter dem sich, wie von Glas zu Glas immer deutlicher wird, das niemals auserzählte Spektakel des menschlichen Elends verbirgt.

Das ist in den kriminologischen Einzelheiten durchaus nicht restlos überzeugend, aber atmosphärisch unbedingt ein kleines literarisches Glanzstück, das nicht nur den Leser durchschüttelt, sondern auch den Kommissar, der beim Lösen des Falls eine tiefgreifende Persönlichkeitsveränderung durchgemacht zu haben scheint.

An diesem Tag ließ Maigret das Mittagessen ausfallen, weil er keinen Hunger hatte, trank aber zwei Glas Bier, um seinen Magen zu beruhigen. Leseprobe

Maigret und die kopflose Leiche

von Georges Simenon, aus dem Französischen von Brigitte Große
Seitenzahl:
240 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Kampa
Bestellnummer:
978-3311130475
Preis:
17,90 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 15.12.2021 | 12:40 Uhr

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