Stand: 23.01.2019 17:37 Uhr

Zeiten wandeln sich - der Mensch im Wesen nicht

Handbuch der Menschenkenntnis
von Georg Brunold (Hrsg.)
Vorgestellt von Joachim Dicks
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Der Schweizer Journalist und Buchautor Georg Brunold hat mit seinem "Handbuch der Menschenkenntnis" ein außergewöhnliches Werk vorgelegt.

Menschenkenntnis hilft. Ob in schwierigen Situationen, in familiären und privaten Konstellationen oder beruflich und gesellschaftlichen Zusammenhängen. Wer durch Lebenserfahrung, Intuition und Intelligenz das Verhalten oder den Charakter eines Menschen richtig einzuschätzen und zu beurteilen versteht, wird sich in der Regel insgesamt besser im Leben zurechtfinden. Der Schweizer Journalist und Buchautor Georg Brunold hat ein "Handbuch der Menschenkenntnis" zusammengestellt mit "Mutmaßungen aus 2500 Jahren".

"Es ist nötiger, die Menschen zu studieren als die Bücher", zitiert Georg Brunold gleich zu Beginn den französischen Moralisten François de La Rochefoucauld und zeigt damit auch, dass er Humor hat. Denn: Ja, wer die Menschen nicht studiert, wird mit diesem Handbuch nicht viel anfangen können. Wer dieses Menschenstudium aber betreibt, erhält reichlich Auftrieb und Anregung. Brunold hat Texte aus den letzten zweieinhalb Jahrtausenden zusammengestellt: von Homer über Aristoteles und Seneca, Mohammed, Christine de Pizan, Lichtenberg, Virginia Woolf bis hin zu Zeitgenossen wie den Glücksforschern Stefan Klein und Eckart von Hirschhausen.

Kluge und inspirierende Textauswahl

Die ausgewählten Texte sind klug und inspirierend und jeweils konzentriert-elegant eingeleitet. Wir erfahren viel über Überzeitliches, was für Menschen immer schon zutraf, und viel über unsere Gegenwart. Der inzwischen verstorbene italienische Schriftsteller und Philosoph Umberto Eco etwa schrieb diesen Text zum Jahrtausendwechsel vor 19 Jahren:

"Die Phänomene, die Europa heute noch als Fälle von Immigration zu behandeln versucht, sind indessen schon Fälle von Migration. Die Dritte Welt klopft an die Pforten Europas, und sie kommt herein, auch wenn Europa sie nicht hereinlassen will. Das Problem ist nicht mehr, zu entscheiden (wie die Politiker zu glauben vorgeben), ob in Paris Schülerinnen mit dem Tschador herumlaufen dürfen oder wie viele Moscheen man in Rom errichten soll. Das Problem ist, dass Europa im nächsten Jahrtausend - da ich kein Prophet bin, kann ich das Datum nicht präziser angeben - ein vielrassischer oder, wenn man lieber will, ein 'farbiger' Kontinent sein wird. Ob es uns passt oder nicht, spielt dabei keine Rolle: Wenn es uns gefällt, umso besser; wenn nicht, wird es trotzdem so kommen." Leseprobe

Jede Generation hat immer wieder ganze Arbeit zu leisten

Ob in den Textauszügen von Baldassare Castiglione, der bereits Anfang des 16. Jahrhunderts konstatierte: "Nur der Frau kann alles Lob gebühren" oder in den "Facetten des Ehelebens" von Castigliones Zeitgenossen Pietro Aretino - immer wieder wird deutlich, dass wir in der Sphäre der Menschenkenntnis auf phantasiereichste Weise auf der Stelle treten. Denn jede Generation, jeder einzelne Mensch hat immer wieder ganze Arbeit zu leisten. Die Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels Carolin Emcke kommt mit einem Auszug aus ihrem Buch "Gegen den Hass" zu Wort.

"Etwas hat sich verändert in der Bundesrepublik. Es wird offen und hemmungslos gehasst. Mal mit einem Lächeln im Gesicht, mal ohne, aber allzu oft schamlos. Die Drohbriefe, die es anonym schon immer gab, sind heute mit Namen und Adresse gezeichnet. Im Internet artikulierte Gewaltphantasien und Hasskommentare verbergen sich oft nicht mehr hinter Decknamen. Hätte mich vor einigen Jahren jemand gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, dass jemals wieder so gesprochen würde in dieser Gesellschaft. Ich hätte es für ausgeschlossen gehalten." Leseprobe

Ein außergewöhnliches Werk

Im letzten Beitrag lesen wir die Gedanken und Beobachtungen der Journalistin Alexandra Kedves über die "wachsenden Grüfte der Einsamkeit", nachdem Theresa May in England ein "Ministerium für Einsamkeit" eingerichtet hat. Spätestens da, erkennen wir: die Zeiten seit Homer haben sich oft gewandelt, der Mensch in seinem Wesen nicht. Nur die Erscheinungsformen, denn von dieser Art Einsamkeit, von der Alexandra Kedves spricht, hatte Homer sicher keine Ahnung:

"Mittlerweile ist Rauchen ja so etwas wie die Negativwährung des Gesundheitssystems. Wenn Sitzen das neue Rauchen ist, so ist Einsamkeit das neue Sitzen. Nein, schlimmer! Einsamkeit ist der "Killer Nummer 1" (...) - vor Glimmstängel, Alkohol, Bewegungsmangel. Nichts ist zerstörerischer als das brennende Gefühl, nicht dazuzugehören; nichts quält das Gesellschaftstier Mensch mehr." Leseprobe

Georg Brunold legt mit seinem "Handbuch der Menschenkenntnis" ein außergewöhnliches Werk vor. Es sollte nicht in einem Rutsch gelesen werden, sondern wohl dosiert über viele Tage verteilt. Denn zwischendurch sollte man immer wieder Menschen studieren, damit die Saat des Textes wirklich aufgehen kann.

Handbuch der Menschenkenntnis

von
Seitenzahl:
416 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Galiani
Bestellnummer:
978-3-86971-164-5
Preis:
39,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 24.01.2019 | 12:40 Uhr