Stand: 09.06.2017 16:00 Uhr

Ein Klassiker in bestechender Neuübersetzung

Hundert Jahre Einsamkeit
von Gabriel García Marquez, aus dem Spanischen von Dagmar Ploetz
Vorgestellt von Tobias Wenzel
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Die Übersetzerin Dagmar Ploetz wurde 2012 mit dem Münchner Übersetzerpreis ausgezeichnet und hat selbst ein Buch über den Autor geschrieben.

Vor 50 Jahren erschien die spanischsprachige Erstausgabe von "Hundert Jahre Einsamkeit". Ebenfalls in diesem Jahr wäre der Autor dieses Klassikers, der kolumbianische Schriftsteller Gabriel García Márquez 90 Jahre alt geworden. Gründe genug für seinen deutschen Verlag, die fast ein halbes Jahrhundert alte deutsche Übersetzung durch eine neue zu ersetzen. Jetzt ist "Hundert Jahre Einsamkeit", das Buch, durch das García Márquez mit einem Schlag vom armen, unbeachteten Autor zum Weltliteraten wurde von dem weltweit mehr als 30 Millionen Exemplare verkauft wurden, in der Übertragung von Dagmar Ploetz erschienen.

Ein fiktives Land, das an Kolumbien erinnert, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts: José Arcadio Buendía hat aus verletztem Stolz einen Mann getötet. Da er und seine Frau Úrsula vom Geist des Toten heimgesucht werden, verlassen sie mit anderen Bewohnern ihr Zuhause, bis sie in einem sumpfigen Gebiet das Dorf Macondo gründen.

Familiengeschichte über sechs Generationen

Gabriel García Márquez erzählt in "Hundert Jahre Einsamkeit" die Geschichte Macondos und der Familie Buendía über sechs Generationen. Realistische Darstellungen vermischen sich mit Fantastik in diesem Klassiker des Magischen Realismus: Inzestuös gezeugte Kinder kommen mit Ringelschwänzchen auf die Welt. Eine seltsame Krankheit des Vergessens hat Macondo vorübergehend im Griff. Der Gründungsvater wehrt sich dagegen, indem er Dinge und Tiere beschriftet:

Das Schild, das er der Kuh um den Hals hängte, war ein Musterbeispiel dafür, wie die Bewohner Macondos entschlossen gegen das Vergessen ankämpften: "Dies ist eine Kuh, man muss sie jeden Morgen melken, damit sie Milch gibt, und die Milch muss man kochen und mit Kaffee mischen, um Milchkaffee zu bekommen." So lebten sie weiter in einer ihnen entgleitenden Wirklichkeit, die kurzfristig durch die Worte eingefangen wurde, ihnen jedoch unheilbar abhandenkommen würde, sobald sie die Schriftzeichen vergäßen. Leseprobe

Neuübersetzung macht Marquez' Stil deutlich

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Wie an dieser Stelle gesteht Dagmar Ploetz in ihrer herausragenden Neuübersetzung überall dort, wo García Márquez im spanischen Original lapidar schreibt, auch dem deutschen Text seine Schlichtheit zu. So macht sie den Reichtum von García Márquez' Stil sichtbar, der eben nicht nur überbordend war.

Der kolumbianische Autor schildert seine Figuren herzerwärmend, wie wenn er José Arcadio Buendía noch einmal entdecken lässt, dass die Welt rund ist. Zugleich spiegelt García Márquez die Geschichte Lateinamerikas, erzählt vom Leid, das der Bürgerkrieg und ein Massaker auslösen, das an 3.000 streikenden Arbeitern einer Bananenplantage samt Angehörigen begangen wird.

Aber alles wirkte wie eine Burleske. Als wären die Maschinengewehre mit Feuerwerksmunition geladen, hörte man zwar ihr begehrliches Rattern und sah sie Feuer spucken, bemerkte aber nicht die geringste Reaktion, keine Stimme, nicht mal ein Seufzen kam aus der dicht gedrängten Menge, die in der Unverwundbarkeit des Augenblicks wie versteinert war. Leseprobe

Anspielungen auf politische Ereignisse

Die Leichen werden später im Meer entsorgt. Die Morde totgeschwiegen. Argentinische Leser erinnert das an die Praktiken während der Militärdiktatur, Kolumbianer an die Menschenrechtsverletzungen im eigenen Land. Wenn García Márquez einen Bürgermeister von Macondo beschreibt, der wie besessen "Erlasse" verkündet und sich über dem Gesetz wähnt, kommt einem unweigerlich Donald Trump in den Sinn. All diese Assoziationen sind möglich, weil der Roman "Hundert Jahre Einsamkeit", wie oft bei großer Literatur, so universal ist, denn García Márquez erfasst das Wesen des Menschen bis in dessen Abgründe.

Ein mehrjähriger sintflutartiger Regen - eine von vielen biblischen Anspielungen - lässt den Untergang von Macondo und der Buendías erahnen, von dem das letzte Familienmitglied in einer Prophezeiung liest:

Doch bevor er den letzten Vers entzifferte, hatte er bereits begriffen, dass er dieses Zimmer nie verlassen würde, denn es stand im Vorhinein fest, dass die Stadt der Spiegel (oder der Spiegelungen) vom Wind hinweggefegt und aus dem Gedächtnis der Menschen getilgt würde, sobald Aureliano die Pergamente fertig entschlüsselt hatte, und dass alles darauf Geschriebene seit immer und für immer unwiederholbar war, da die zu hundert Jahren Einsamkeit verdammten Sippen keine zweite Chance auf Erden bekamen. Leseprobe

Einer der großartigsten Romane überhaupt ist jetzt in einer bestechenden Übertragung ins Deutsche zu entdecken. Wer "Hundert Jahre Einsamkeit" liest, wird tief berührt und beglückt.

Hundert Jahre Einsamkeit

von
Seitenzahl:
528 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Die Andere Bibliothek
Bestellnummer:
978-3-462-05021-9
Preis:
25,00 €

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