Patricia Highsmith: "Ladies. Frühes Stories" © Diogenes Verlag

Frühe Erzählungen von Patricia Highsmith: "Ladies"

Stand: 05.11.2020 15:28 Uhr

Noch bevor die Autorin Patricia Highsmith 1951 mit ihrem ersten - später von Hitchcock verfilmten - Roman "Zwei Fremde im Zug" in bekannt wurde, schrieb sie etliche kriminalistische Kurzgeschichten.

von Juliane Bergmann

Die erschienen damals nur verstreut in Schul- und Frauenmagazinen. Der Diogenes-Verlag hat nun mit "Ladies" eine Sammlung ihrer frühen Stories herausgebracht - darunter auch einige bislang unveröffentlichte.

Geschichten von traurigen, liebenswerten Gestalten

Eine Ahnung, flau und bedrückend. Immer liegt die in der Luft in den vielen Geschichten von Patricia Highsmith - und das vom ersten Augenblick an.

"Irgendetwas stimmte nicht mit dem Haus und dem ganzen Morgen. Man konnte es fühlen, hören, schmecken und riechen - nur nicht sehen. Sie saß ganz still und hielt den Atem an." Leseprobe

Es sind traurige, prompt liebenswerte Gestalten, von denen Highsmith erzählt: Gebeutelte, Versager, Unsichtbare. Fast alle eint sie die Hoffnung, dass sich das Blatt wenden könnte. Sie wagen deshalb die Trennung von einer alten Gewohnheit, einem Job, einem Menschen, einem Ort.

Oft geht es um Sehnsüchte und Träume

Das Mädchen zum Beispiel, dessen Familie sich mit dem Umzug nach New York ein lukratives Leben erträumt. Oder der Taxifahrer, der eines Morgens ziellos aus dem Großstadtmoloch New York flieht. Die Ironie zeigt sich in dieser Aneinanderreihung von Kurzgeschichten: Was der eine ersehnt, lebt und verabscheut der andere.

"Wenn er aus einer Distanz von acht Stunden zurückblickte, kam ihm die krampfhaft gezügelte Raserei der Stadt wie eine Krankheit vor. Er dachte an New York, eindringlich und zum letzten Mal." Leseprobe

Ein anschauliches Porträt vom Amerika der 40er-Jahre

Genial beschreibt Highsmith ihre Figuren. Sie pickt messerscharf Details heraus, erwähnt etwa einen schäbigen Mantelärmel, vergleicht ein deformiertes Ohr mit dem Verschluss eines Luftballons, richtet kurz die Aufmerksamkeit auf eine mit sogenanntem Brenneisen akribisch zurechtgelegte Lockenfrisur. Sofort entsteht ein Bild von einem Menschen, eine Idee von seinem Charakter.

Anschaulich porträtiert sie das Amerika der 40er-Jahre, in dem Chauvinismus, Rassismus und Wirtschaftsnöte allgegenwärtig sind. Zwei Männer im Anzug - einer schmuddelig, einer herausgeputzt - bemerken an einem Bahnsteig eine herrenlose, ausgebeulte Tasche. Womöglich ein verheißungsvoller Schatz. Und wer darf ihn mitnehmen? Da sind sie definitiv gegensätzlicher Meinung.

"Vielleicht war es Schmutzwäsche, dachte er, und sein Herz zog sich zusammen, oder es waren leere Dosen oder andere Abfälle. Nein, es musste etwas Besseres sein, sonst hätte der Grünäugige es nicht haben wollen. Vielleicht war es etwas Schönes wie Orangen oder Sandwiches oder Socken oder vielleicht sogar Geld."

Raffiniert-finstere Stories mit einer Prise Humor

Eine Mischung aus Krimi und Psychogramm mit nicht unwesentlicher Prise Humor zeichnet diese Geschichten aus. So winkt dem Gewinner der Verfolgungsjagd im hochdramatischen Edgar-Wallace-Stil letztlich eine Tasche gefüllt mit einem herrlich skurrilen Inhalt: einem Jahresvorrat an bunt-glänzenden Bonbons.

Einige wenige Episoden hätte man sich in dieser Sammlung aber sparen können. Der "Legende des Klosters von Saint Fotheringay" über einen Jungen, der bei männerfeindlichen Nonnen aufwächst, fehlt erzählerischer Schliff. Sie ist mehr eine Skizze als eine Story. Hervorragend wiederum ist die Geschichte von der biederen Mrs. Robertson, die auf einer Parkbank sitzend ein Paar beobachtet, das eine Affäre zu haben scheint:

"Ob sie ihren Liebhaber wohl mit nach Hause nahm? Mrs. Robertson hoffte, das nicht miterleben zu müssen. Und im nächsten Augenblick musste sie sich eingestehen, dass sie genau das liebend gerne miterleben würde, wie die beiden miteinander fortgingen. Sie blätterte eine Seite um, die sie nicht gelesen hatte. Sie spähte erneut über ihre Lesebrille." Leseprobe

Diebstahl, Ehebruch, Mordpläne, Komplizenschaft, Verrat - in ihren feinen Kurz-Krimis durchleuchtet die Autorin vor allem das Innere ihrer Figuren. Um die Beweggründe geht es ihr. Die erscheinen beim Lesen immer folgerichtig - so überzeugend sind sie gestrickt. Sehr unterhaltsam, diese oft witzigen, raffiniert-finsteren Stories.

Ladies

von Patricia Highsmith, aus dem Englischen von Melanie Walz, Dirk van Gunsteren und pociao
Seitenzahl:
320 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Diogenes
Bestellnummer:
978-3-257-07152-8
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

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