Stand: 25.02.2017 10:00 Uhr

Liebevolles Roadmovie entlang der "Route 66"

von Uli Sarrazin

Verkehrstechnisch gesehen spielt die Route 66 in den USA überhaupt keine Rolle mehr. Für die rund 4.000 Kilometer von Chicago quer durch die USA nach Los Angeles sind längst schnurgerade und vielspurige Freeways durchs Land gefräst worden; eigentlich das Aus für eine oft holperige und manchmal nur zweispurige Straße durch acht Bundesstaaten. Aber ein Mythos ist eben nicht totzukriegen - und dem ist auch der Reisejournalist Freddy Langer erlegen: Dreimal hat er die Route 66 bereist. Nun hat er seine Erlebnisse auf der berühmtesten Straße der USA zu Papier gebracht und mit eigenen Fotos illustriert.

Jackson Boulevard, Chicago - wenn Freddy Langer hier seinen Ford Mustang anschmeißt und mit uns aus der Stadt hinausfährt in die grünen Weiten von Illinois, dann sind wir schon beinahe Fachleute zur Geschichte der "66". Ihre Entstehung in den 1930er-Jahren, ihr Verfall in den 80ern und ihre Wiedergeburt zu Beginn der 90er sind jetzt schon abgehandelt.

Start in der Stadt Al Capones

Die ersten Impressionen aus der Stadt von Al Capone und eine Abhandlung über das amerikanische Frühstück verschwinden langsam im Rückfenster. Vor uns eine rissige Betonpiste mit gelbem Mittelstreifen neben Telefonmasten unter einem "great american sky.

Durch Springfield und vorbei an seinem Lincoln-Denkmal blubbert der Ford Mustang. Noch ist die beherrschende Farbe, die am Seitenfenster vorbeizieht, das Grün riesiger Flächen. Hier und da sorgen windschiefe Scheunen für braune Tupfer in der Landschaft. Bis zur Dunkelheit schafffen wir es so eben gerade über die Staatsgrenze nach Missouri. Erster Zwischenstop: natürlich ein Motel und natürlich leuchtet unter dem grün geschwungenen Neonpfeil, der uns von der Straße lockt, der rotglühende Name "Roadhouse".

Prägender Kampf gegen den Verfall

Route 66 © Picture Alliance Foto: Jack Kurtz
Die historische Straße "Route 66" führt durch acht US-Bundesstaaten.

Etwa hier mag es gewesen sein, wo Henry Fonda in "Früchte des Zorns" erfuhr, wo die Reise hingehen wird. Natürlich nach Westen und ein bisschen ist das auch jetzt so, wie zu Zeiten der Großen Depression in den 30ern. Egal, ob wir durch Kansas, Oklahoma oder New Mexico fahren: Der Kampf gegen den Verfall prägt das Leben der Menschen entlang der "Route 66". Damals war es die Wirtschaftskrise - heute ist es der fehlende Durchgangsverkehr.

Durchhalten und den Mythos vermarkten, das ist die Geschichte, die Freddy Langer in Wort und Bild über 4.000 Kilometer erzählt - immer mit Blick aus dem Autofenster:

"Da ragen dann die zehn aufrecht in den Boden gerammten Cadillacs bei Amarillo in den grauen Himmel, alte und junge Menschen sitzen vor verlassenen Tankstellen in der Wüste, Souvenirhändler posieren vor ihren spärlichen Auslagen und immer wieder: Motelbesitzer mit und ohne Stetson an ihren braunen Holztresen und ihre Geschichten von damals... und manchmal eine Begegnung mit der Statepolice, weil der Mustang einen Tick zu schnell war ..." Buchzitat

Wie durch einen Vintage-Filter gepresst

Freddy Langer ist ein fantastischer Geschichtenerzähler und irgendwann wird einem klar, wie groß der Sog seines Reiseberichtes ist. Nämlich dann, wenn man merkt, dass seine Fotos beim Lesen selbst nur vorbeigezogen sind wie der Bilderstrom im Seitenfenster eines fahrenden Autos. Hinzu kommt, dass seine Fotos meist aussehen wie durch einen Vintage-Filter gepresst - aber das passt zur Patina der Umgebung und Geschichte. Wirkliche Fotokunst ist das nur bedingt, aber immer großartige Reiseliteratur. Ein echtes und sehr liebevolles Roadmovie.

Route 66

von Freddy Langer
Seitenzahl:
224 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
mit 250 farbigen Abbildungen
Verlag:
Knesebeck Verlag
Bestellnummer:
978-3-86873-986-2
Preis:
34,95 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 26.02.2017 | 17:40 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/buch/Freddy-Langer-Route-66,sixtysix100.html

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