Stand: 05.03.2019 09:30 Uhr

Francis Fukuyama spricht in Hannover über Würde

von Agnes Bührig

Mit seinem Aufsatz "Das Ende der Geschichte" im Wendejahr 1989 und seiner Überzeugung, nach dem Fall der Mauer sei die Systemfrage entschieden und die liberale Demokratie westlichen Musters habe endgültig gesiegt, wurde Francis Fukuyama schlagartig bekannt. 30 Jahre später muss der Politologe seine Annahmen überdenken: Die Demokratie ist heftigen Anfeindungen ausgesetzt. "Identität. Wie der Verlust der Würde unsere Demokratie gefährdet" heißt das neue Buch des Amerikaners. Am Montag stellte es NDR Kultur Redakteurin Natascha Freundel im Gespräch mit dem Autor im Literarischen Salon der Leibniz Universität Hannover vor.

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Ein gutes Tandem auf der Bühne: Francis Fukuyama und Natascha Freundel.

Moderatorin Natascha Freundel beginnt den Abend in einem gut gefüllten Hörsaal der Leibniz Universität Hannover mit einer persönlichen Erinnerung. In den 80er-Jahren habe ihr der Vater in Ostdeutschland am heimischen Küchentisch erklärt, dass auf den Sozialismus unweigerlich der Kommunismus folge. Doch es kam anders, allerdings auch nicht als Ende der Geschichte, wie Francis Fukuyama andeutete. Doch sowohl die Prognosen des Ostdeutschen wie die des Amerikaners ließen sich auf Hegel zurückführen.

"Hegel war der erste Philosoph, der den historischen Prozess als einen Fortschritt betrachtet hat", erklärt Fukuyama und ergänzt: "Und das Ende der Geschichte bedeutet nicht das Ende, sondern die Zielsetzung, die Richtung, in die sich die Geschichte und die Modernisierung entwickelt. Das Konzept wurde von Karl Marx aufgegriffen und er sagte, am Ende dieser Geschichte wird der Kommunismus stehen, und der Sozialismus ist die Phase davor."

Identität und Würde im Fokus

Francis Fukuyama © Jan Richard Heinicke Foto: Jan Richard Heinicke

Francis Fukuyama in Hannover

NDR Kultur - Klassisch in den Tag -

Mit seinem Aufsatz "Das Ende der Geschichte" im Wendejahr 1989 wurde Francis Fukuyama schlagartig bekannt. In Hannover stellte der Amerikaner nun sein neues Buch vor.

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Diesmal ist es kein drohender Systemwechsel, sondern es sind die angelsächsischen Volksentscheide des Jahres 2016, die Francis Fukuyama interessieren. Der Brexit und vor allem das Staunen über den Wahlsieg eines Donald Trump waren für ihn der Auslöser, die Gefahren für die Demokratie zu beleuchten - mit den Themen Identität und Würde im Fokus. Eigenschaften, mit denen sich sowohl das Verhalten weißer Arbeitsloser in Amerika analysieren lässt, die Trump wählten, als auch der Europäer mit arabischen Wurzeln, die sich der islamistischen Terrororganisation IS angeschlossen haben.

"Die rechten Nationalisten und die Islamisten haben etwas gemein: Den Unmut, wenn es um den Verlust der Würde geht", so Fukuyama: "Wenn wir daran denken, wie viele Menschen bereit sind, für den Islam zu kämpfen. Es ist für sie eine Möglichkeit, auf die Frage 'Wer bin ich?' eine Antwort zu finden. Denn der Islamische Staat sagt: 'Du bist Moslem, du gehörst zu einer weltweiten Gemeinde. Wir werden verfolgt und wir geben dir die Möglichkeit, dich zu wehren.'"

Demokratien brauchen Identitätskonzept

Die Wut, die in Terror umschlägt, ist an sich noch keine Kraft der Veränderung, wie sich an der Gelbwestenbewegung in Frankreich beobachten ließe. Doch dass die gekränkte Würde einer Gruppe etwas bewegen kann, zeigt die #metoo-Bewegung. Dabei gibt es kein Opferranking: Sowohl das Protestieren gegen sexuelle Übergriffe wie gegen ungerechte Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt hätten ihre Berechtigung. Demokratien von heute bräuchten zudem ein Identitätskonzept, das integrierend wirke, sagt Fukuyama:

"Wir müssen auch darüber nachdenken, ob es nicht den Begriff der Identität gibt, der größere Gruppen zusammenbringt, als Ergänzung mehr denn als Ersatz dieser vereinzelteren Identitätsgruppen. Ich glaube nämlich nicht, dass eine Demokratie funktionieren kann, wenn nicht ein größeres Gefühl nationaler Identität zugrunde liegt, in dem sich alle Menschen in dieser Demokratie zugehörig fühlen, eine Art gemeinsamer Rahmen."

Wie können wir die Demokratie verteidigen?

Einen Rahmen versucht die EU bereits auf staatenübergreifender Ebene zu stiften. Dabei stößt sie immer wieder an ihre Grenzen, einen gemeinsamen Nenner zu finden - nicht zuletzt bei der Flüchtlingsfrage und dem Protest der Rechtspopulisten in Europa. Was also können wir tun, um die Demokratie zu verteidigen?

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Der zehnte NDR Kultur Sachbuchpreis geht an die Harvard-Politologen Steven Levitsky und Daniel Ziblatt für "Wie Demokratien sterben". Stephanie Pieper hat mit Ziblatt gesprochen. mehr

"Es gibt Etliches. Einfach mehr Verständnis dafür, was bringt diese Leute dazu, rechts zu wählen. Die linken Parteien haben ein Problem mit dem Konzept der Nation, für sie ist das ein geschlossenes nationales Gebilde. Das vertreibt viele eher konservative Wähler. Und zum anderen muss es tatsächlich wirtschaftspolitische Alternativen geben. Denn ein Problem vieler linker Parteien ist, dass sie von den Mitte-Rechts-Parteien in wirtschaftlichen Fragen nicht zu unterscheiden sind."

Sich mehr für die Identität des Andersdenkenden interessieren und gleichzeitig die eigenen politischen Werte nicht aufgeben, das sind Empfehlungen, die einen nachdenklich entlassen aus diesem literarischen Salon der Leibniz Universität.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 05.03.2019 | 06:40 Uhr

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