Felicitas Hoppe mit frischem Blick auf die Nibelungensage

Stand: 13.10.2021 08:49 Uhr

Zum Auftakt der Herbsttour der Lesereihe "Der Norden liest" hat Felicitas Hoppe ihre Adaption der Nibelungensage vorgestellt, den Roman "Die Nibelungen. Ein deutscher Stummfilm", mit dem sie für den Deutschen Buchpreis nominiert war.

von Agnes Bührig

Kniehohe Lederstiefel, ein erdfarbenes Wams, die Haare knappengleich kurz geschnitten - Felicitas Hoppe könnte selbst eine Mitspielerin der Nibelungen-Festspiele in Worms sein, die sie in ihrem Buch als Bühne für ihre Version der alten Sage nutzt.

"Und jetzt darf endlich der Held auf die Bühne, den das Publikum auf Jahre im Voraus gebucht hat. Der Jubel ist groß, denn man erkennt Siegfried sofort, obwohl er dunkelhaarig und klein ist." Buchzitat

Hoppe hegt große Leidenschaft für den Stummfilm

"Ein deutscher Stummfilm" nennt sie den Roman im Untertitel nicht nur, weil sie Fritz Lang verehrt. Der Stummfilm, der ohne Text auskommt, ist zugleich ein Sinnbild für das Nibelungenlied, eine Erzählung, die durch große Gesten wirkt. "Seit meiner Kindheit liebe ich Stummfilme", schwärmt Hoppe. "Der Stummfilm arbeitet mit einer grotesken Überzerrung, mit Übertreibungen, mit großen, sehr dramatischen Bildern, weil nicht gesprochen wird. Es ist alles in der Mimik und Gestik. Und so funktioniert dieser Stoff, so funktioniert das Nibelungenlied. Diese Figuren, die Handelnden, die Protagonisten machen nicht viele Worte, sie charakterisieren sich durch ihre Taten."

Siegfried badet in Drachenblut, wirbt um Kriemhild und wird am Ende von Hagen ermordet. Den Frauen scheinen die Reaktionen auf das Geschehen vorbehalten zu sein: Rache nach der Ermordung des Mannes und Trauer über dessen Tod im Falle Kriemhilds. Doch im Verlaufe der Zeit merke man, dass diese ihre Trauer auch ganz bewusst als Machtmittel einsetze, sagt Felicitas Hoppe. Und auch Brunhild - stärkste Frau der Welt, Herrscherin auf Island – hat das Zeug zur Heldin.

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Felicitas Hoppe: "Die Nibelungen",  Roman (Cover) © S. Fischer

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War Brunhild das Vorbild für Pippi Langstrumpf?

"Ich bin 100 Prozent sicher, dass Astrid Lindgren tatsächlich Brunhild zum Vorbild genommen hat und aus Brunhild diese Pippi Langstrumpf Figur geschaffen hat", erzählt Felicitas Hoppe. "Wenn man sich Pippi anschaut - das stärkste Mädchen der Welt. Es lohnt sich, das in den Pippi-Büchern nochmal nachzulesen. Daran sieht man auch, wie diese Helden sich in die Gegenwart einschleichen und sozusagen Metamorphosen durchlaufen."

Bewusste Brechung mit dem alten Sagenstoff

So ist es auch bei Felicitas Hoppe selbst, die den Stoff und seine Schauplätze mit unserer Gegenwart in Berührung bringt. Die Erzählung der Nibelungensage auf der Wormschen Schauspielbühne unterbricht sie im Roman mit fiktiven Gesprächen der Darsteller, die sich in der Pause über das Heben des Nibelungen-Schatzes unterhalten. Das habe sie geschrieben, weil sie selbst eine Verschnaufpause von dem legendenumwobenen Stoff brauchte. Und am Ende wird sie selbst zum Teil der Handlung, als Zeugin in einem Beiboot: "Ich sehe mich als Schriftstellerin natürlich als eine, die die Dinge mit Distanz betrachtet. Das ist meine Rolle, ich glaube, das tun alle, die schreiben."

Die Handlung bleibt, doch die Orte, an denen sie dargestellt, über sie gesprochen wird, hat Felicitas Hoppe aktualisiert, im Heute verankert. Das macht ihren frischen Blick auf die alte Geschichte aus. Unerwartet leicht wirkt dieser Gesprächsabend über einen so mythenumwobenen, oft umgeschriebenen und ergänzten Text europäischer Erzählkunst wie das Nibelungenlied.

Die Lesung aus Felicitas Hoppes neuem Roman und das Gespräch darüber gibt es zum Nachhören am 14. November ab 20 Uhr im Sonntagsstudio auf NDR Kultur.

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von links nach rechts: Judith Hermann, Julia Franck, Kent Nagano © Andreas Labes/Mathias Bothor/Sergio Veranes

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 13.10.2021 | 07:20 Uhr

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