Stand: 01.02.2017 12:00 Uhr

Gewaltiger Befreiungsschlag

Ellbogen
von Fatma Aydemir
Vorgestellt von Katja Weise
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Aydemir wurde 1986 in Karlsruhe geboren, ihre Eltern kamen als Jugendliche aus der Türkei nach Deutschland. Sie lebt in Berlin und ist Redakteurin der "taz".

Vor ziemlich genau drei Jahren entfachte Maxim Biller mit einem Artikel in der "Zeit" eine heftige Debatte: Es fehle der Literatur an lebendigen Stimmen von Schriftstellerinnen und Schriftstellern mit Migrationshintergrund. Diese passten sich stattdessen an und kassierten "Wohlfühlpreise". Für seine Äußerungen ist Biller seinerseits heftig kritisiert worden, manch einer hat ihm aber auch Recht gegeben. Daran erinnert sich, wer jetzt "Ellbogen", den Debütroman von Fatma Aydemir, liest.

Keine Aussicht auf einen Job

Dieser Roman ist ein Hammer. Er erwischt seine Leserinnen und Leser mit voller Wucht - und zwar unabhängig davon, ob sie wie die Protagonistin und ihre Erfinderin aus einer Familie mit Migrationshintergrund stammen. Hazal ist fast achtzehn und lebt mit ihren Eltern und dem jüngeren Bruder im Berliner Wedding. Sie jobbt in der Bäckerei ihres Onkels, hat über fünfzig Bewerbungen geschrieben, aber keinen Ausbildungsplatz bekommen.  

Und vielleicht sieht es von außen tatsächlich so aus, als ob ich mein Leben schon verpfuscht habe. Ja, wahrscheinlich habe ich ja auch ein verpfuschtes Leben. Mama wollte immer, dass ich Arzthelferin werde, und ich wollte Ärztin sein. Jetzt bin ich nichts von beidem und finde nicht mal eine Ausbildung zur Verkäuferin. Das liegt daran, dass die eine Hälfte meiner Lehrer aus Arschlöchern bestanden hat und die andere Hälfte geisteskrank war. Das sagt zumindest Tante Semra, die ist Sozialpädagogin und kennt sich mit solchen Dingen aus. Leseprobe

Tante Semra ist die einzige in der Familie, die studiert hat. Hazals Vater fährt Taxi und fremdelt auch nach vielen Jahren in Berlin immer noch mit Deutschland. Die Ehe der Eltern ist lieblos, die Tochter halten sie an der kurzen Leine, der jüngere Bruder hat wesentlich größere Freiheiten. Kein Wunder, dass es in Hazal brodelt.

Der Frust entlädt sich

Zwei Tage vor ihrem achtzehnten Geburtstag wird sie dann von einem Ladendetektiv erwischt: 100 Euro muss sie ihm geben, damit er nicht die Polizei ruft. Die 100 Euro waren für die Geburtstagsparty gedacht. Was nun? Der kleinkriminelle Bruder hilft.

Ungeschminkt und sehr direkt nennt Fatma Aydemir die Dinge beim Namen. Der Tonfall ist rau und unterschwellig aggressiv. Hazal will kein Mitleid - genauso wenig wie ihre Freundinnen. Die Mädchen wollen ihr Ding durchziehen und ...

... haben keinen Bock darauf, nach außen immer voll brav zu tun und alles, was Spaß macht, immer nur heimlich zu machen.    Leseprobe

Wie die geplante heiße Disconacht an Hazals achtzehntem Geburtstag. Doch der Türsteher lässt sie nicht rein. Warum? Weil sie türkisch aussehen? Weil sie offensichtlich aus dem Wedding kommen? Wochenlang haben Hazal, Gül und Elma sich auf diesen Abend gefreut, sich dafür vor dem Spiegel stundenlang gestylt: Der Frust ist also riesig. Als sie dann auch noch ein betrunkener Student auf dem U-Bahnsteig dumm anmacht, entlädt er sich:

Elma tritt ihm in die Eier. (...) Ich renne auf ihn zu und will den Studenten umwichsen, aber er hält sich an mir fest. Es ist wie eine erzwungene Umarmung. (...) Eine von den beiden zerrt wohl an ihm, denn sein Griff wird lockerer. Ich löse meinen Ellbogen und ramme ihn in seinen Magen. Elma wirft ihn auf den Boden. Er landet auf den Knien. Mein Fuß tritt ihm ins Steißbein. Dieser Tritt, das bin ich. Leseprobe

Eine ausweglose Situation

Diesen Moment der entfesselten Gewalt erfährt Hazal wie eine Befreiung. Auch später wird sie sich - trotz der dramatischen Folgen - dafür nicht entschuldigen. Sie flieht nach Istanbul und gerät mitten hinein in die Unruhen nach dem gescheiterten Militärputsch gegen Präsident Erdoğan. Der Freund, bei dem sie einige Wochen lang Unterschlupf gefunden hatte, entpuppt sich als drogensüchtig.

Schonungslos schildert Fatma Aydemir die ausweglose Situation, in die Hazal sich selbst manövriert - und stellt doch gerade dadurch die Frage, welche Chance sie tatsächlich gehabt hätte, einen anderen Weg zu gehen. Ohne die Tat der Clique klein zu reden oder gar um Verständnis dafür zu werben, zeigt die Autorin, wie Gewalt entsteht.

Ich war wütend in der Nacht und hatte Angst und habe eben zugeschlagen (...) aber das war nicht nur wegen der Nacht oder wegen dem Studenten, ich war schon vorher wütend, die ganze Zeit. Leseprobe

Fatma Aydemir gibt den Mädchen eine Stimme, die zerrieben werden zwischen den Kulturen. Ein packender Roman, emotional und brutal - wie ein Schlag mit dem Ellbogen in die Magengrube.

Ellbogen

von
Seitenzahl:
272 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hanser Verlag
Bestellnummer:
978-3-446-25441-1
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 09.04.2018 | 07:20 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/buch/Fatma-Aydemir-Ellbogen,ellbogen104.html

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