Stand: 02.12.2016 11:20 Uhr  | Archiv

Renaissance - Eine neue Sicht auf die Welt

Europa in der Renaissance - Metamorphosen 1400-1600
Vorgestellt von Silke Lahmann-Lammert

1506 fand ein Römer in seinem Weinberg eine Marmorskulptur aus der Antike. Eine Sensation: Es war genau das Standbild, das Plinius fast 1.500 Jahre zuvor als die wohl schönste Skulptur der griechischen Kunst beschrieben hatte. Das Werk, das heute im Vatikanischen Museum steht, zeigt den trojanischen Priester Laokoon und seine Söhne im Kampf mit den Schlangen. Bei zeitgenössischen Künstlern löste der Fund einen Schock aus. Stellte doch die antike Figurengruppe alles in den Schatten, was sie selbst je geschaffen hatten.

Eine Begebenheit, die den Geist der Renaissance auf den Punkt bringt: Die Wiederentdeckung der Antike und den Wunsch, ihre künstlerischen und wissenschaftlichen Erkenntnisse fortzuführen und zu übertreffen. Bei Hatje Cantz ist jetzt ein Bildband erschienen, der verfolgt, wie diese Strömung den ganzen Kontinent erfasste: "Europa in der Renaissance".

Das Bildnis eines jungen Mannes im Dreiviertelprofil zeigt einen klugen, einfühlsamen Menschen. Mit fein ausgearbeiteten Gesichtszügen, klaren Augen und einem sanft geschwungenen Mund. 1480 hat der flämische Maler Hans Memling den Jüngling mit dem braunen, kinnlangen Haar porträtiert. Das Gewand des Dargestellten ist dunkel, die Kappe schmucklos. Nichts an seiner Kleidung weist auf den gesellschaftlichen Stand hin. Kunsthistoriker vermuten deshalb: "Der porträtierte Mann gehörte wohl zu den italienischen Kaufleuten, die in Brügge arbeiteten. Viele von ihnen erteilten Memling Aufträge."

Die Wiederentdeckung des Ichs

Mit faszinierender Konsequenz bricht der Maler mit der mittelalterlichen Tradition: Bis dahin stellte die Kunst Menschen als Typen dar. Von Interesse war nicht ihr individuelles Aussehen, sondern ihre Stellung in der Gemeinschaft - ablesbar an einem festen Kanon von Attributen: Mitra und Krummstab wiesen den Bischof aus, Krone und Zepter den König.

Dass der junge Mann auf dem Bildnis ohne Standessymbole auskommt, spiegelt einen radikalen Wandel der Geisteshaltung: Der einzelne Mensch fühlt sich nicht mehr als ohnmächtige Figur in Gottes großem Plan, sondern als Akteur, der sich aus der Masse löst und Einfluss auf das eigene Schicksal nimmt. Kein Wunder also, dass Buchautor Bernd Roeck in dem Kaufmannsporträt einen weiteren Beweis für Jacob Burckhardts These sieht, im 15. Jahrhundert habe sich "die Sensibilität für das Selbst entwickelt".

Fokus auf Porträts

Das neue Buch bebildert die "Geburt des Individuums" mit einer Fülle von Porträts und Selbstporträts. Klassiker des Genres - wie das Selbstbildnis von Albrecht Dürer - fehlen. Aber das ist kein Manko, sondern eine Stärke des Bildbandes, der seine Leser mit Werken von weniger bekannten Malern überrascht: Zum Beispiel mit einer aquarellierten Zeichnung von Tobias Stimmer aus dem Jahr 1563.

"Er gibt den Moment wieder, in welchem er sich einerseits im Spiegel wahrnimmt, und andererseits im Begriff ist, sein Abbild auf einem Blatt Papier festzuhalten. Sein Selbstbildnis gilt als die erste Darstellung eines Malers bei der Ausübung seiner Tätigkeit." Leseprobe

Erfindung des Buchdrucks startete eine "Medienrevolution"

In ausführlichen Essays liefern die Autoren ein Bild der Umbrüche, die sich zwischen 1400 und 1600 im Glauben, in der Philosophie und in den Wissenschaften vollzogen. Dabei nehmen sie besonders die Erfindung des Buchdrucks in den Fokus. Für sie die "Medienrevolution" der Renaissance:

"Wissen wurde demokratisiert, verfügbar für Tausende. (…) Ohne Buchdruck hätte es wahrscheinlich weder die Reformation, noch die Entdeckungen, Erfindungen und wissenschaftlichen Umbrüche der Neuzeit gegeben." Leseprobe

Reproduktionen von Buchfragmenten, kostbaren Bibelseiten, von Zeichnungen, Gemälden, Skulpturen, Teppichen und Möbeln zeigen, wie die neuen Ideen alle Lebensbereiche erfassten.

Präzise analysieren die Autoren die - manchmal verblüffenden - Bedingungen, unter denen sich die Renaissance in ihrem Mutterland Italien entwickeln und über ganz Europa verbreiten konnte. Dazu zählt auch die Erfindung eines toskanischen Handwerkers. Im 13. Jahrhundert konstruierte er die erste zweiglasige Brille. Ohne ihre vergrößernden Linsen - glauben die Autoren - wären viele Texte nie geschrieben, viele Bücher nie gelesen, viele Instrumente der Feinmechanik nie ersonnen worden.

Europa in der Renaissance - Metamorphosen 1400-1600

von
Seitenzahl:
380 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
Hrsg. Schweizerisches Nationalmuseum - Texte von Bernard Aikema, Peter Burke, Caroline Campbell, Patrizia Castelli, Felipe Fernández-Armesto, Toby E. Huff, Urs B. Leu, Nicolette Mout, Robert Muchembled, Bernd Roeck, Heinz Schilling, Denise Tonella, Achatz von Müller
Verlag:
Hatje Cantz
Bestellnummer:
978-3-7757-4072-2
Preis:
49,80 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 04.12.2016 | 17:40 Uhr