Stand: 01.03.2018 10:00 Uhr

Tröstliche Landschaften

Hain
von Esther Kinsky
Vorgestellt von Andrea Gerk
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Die Autorin beschreibt unbekannte Gegenden Italiens, die nicht in Reise- und Kunstführern verzeichnet sind.

Zu den Kandidaten für den Preis der Leipziger Buchmesse gehört auch die Schriftstellerin und Übersetzerin Esther Kinsky, die für ihr umfangreiches Werk bereits vielfach ausgezeichnet wurde. Übersetzungen aus dem Polnischen, Russischen und Englischen gehören ebenso dazu wie Lyrik, Essays und Prosa. Für den Leipziger Buchpreis ist sie jetzt mit ihrem Roman "Hain" nominiert, der im Übrigen auf Platz 1 der SWR Bestenliste steht.

Der Begriff "Gelände" erweckt keine Erwartungen

Der Text trägt die Bezeichnung "Geländeroman" und was damit gemeint ist, das erklärt Esther Kinsky selbst: "Gelände ist für mich ein wichtiger Begriff, weil er nicht so festgelegt ist wie Landschaft. Er weckt weniger Erwartungen, er ist offener als Begriff - und er ist für mich auch oberflächenorientierter."

Das Gelände, das Esther Kinsky in ihrem Roman "Hain" erkundet, liegt in Italien, abseits der großen touristischen Zentren. Nach Olevano Romano, einer Kleinstadt in den Hügeln nordöstlichen von Rom, gelangt die Ich-Erzählerin im ersten Teil des wie ein Triptychon angelegten Textes, als Stipendiatin und als Hinterbliebene, Trauernde: Ihr Lebensgefährte - der nur mit dem Buchstaben M bezeichnet wird - ist vor Kurzem gestorben, und dieser Verlust zeichnet die Wahrnehmung der Erzählerin:

"Mein Thema ist: Wie filtert und beeinflusst eine Verlusterfahrung den Blick? Man sieht die Welt durch einen anderen Filter. Das finde ich einen wichtigen Vorgang. Es geht eigentlich in dem ganzen Buch ums Sehen und wie man das Sehen um in Sprache umsetzt. Das ist etwas, was mich überhaupt immer beschäftigt: Was passiert zwischen dem Sehen, Erkennen und dem Benennen? Und natürlich passiert das unter unterschiedlichen Vorzeichen. Ein trauernder Mensch sieht die Welt einfach anders, liest sie einfach anders."

Studium der Menschen und Landschaften

Esther Kinsky beziehungsweise ihre Ich-Erzählerin liest das, was ihr täglich begegnet, genau und gründlich wie einen Text: Sie besucht Friedhöfe und "Beinhäuser", sie geht und fährt Wege ab, studiert Menschen, Landschaften, ihre Träume und ihre eigene Wahrnehmung all dessen:

"Mir wurde schwindlig beim Betrachten dieser ausgebreiteten Gegend, die sich so offenlegte und mir doch so unverständlich blieb. Ein unebenes Gelände von unstetem Anschein, weil es sich von jeder Seite anders bot. Von jeder Seite zogen die Wege eine andere Schrift, warfen die Berge andere Schatten, verschoben sich Ebenen, die Vorder-, Mittel-, Hintergründe. Ein Gelände, das in mir seine Spuren hinterließ, ohne dass von mir eine lesbare Spur blieb." Leseprobe

Rückblick auf das Italien der 70er-Jahre

Was von Menschen bleibt, wie wir uns an sie erinnern und was dieses Gedenken bewirkt, ist das Grundmotiv dieses poetischen, anregenden Textes, den man als Trauer- und Trostbuch zugleich lesen kann, aber auch als Bericht einer Reise zu Orten, Vorstellungen und Erinnerungen.

Nach dem Gebirge um Olevano, erkundet die Erzählerin im dritten Teil die Ebene des Po-Deltas. Dazwischen reist sie in der Zeit zurück in das Italien der 70er-Jahre, in Reisen der Kindheit mit dem inzwischen verstorbenen Vater.

Selten ist Landschaft oder Gelände so genau und poetisch beschrieben worden wie hier, und es wird zum Echo-Raum der inneren Landschaft. Dennoch hat Esther Kinskys präzise Prosa wenig mit dem gemeinsam, was seit einiger Zeit als "Nature Writing" bezeichnet wird.

Verbundenheit mit dem Autor Thoreau

Wobei sich die Autorin dem Vater dieser literarischen Tradition, Henry David Thoreau, durchaus verbunden fühlt. Wenn auch nicht seinem Klassiker "Walden", sondern seinen Tagebüchern:

"Diese 'Journals' sind wirklich sein größtes Werk", sagt Esther Kinsky. 'Walden' leidet etwas daran, dass es mit zu viel Absicht geschrieben ist, er etwas demonstrieren möchte. Aber die 'Journals' sind absichtslos, es sind einfach Einträge, Tag für Tag, über das, was er sieht, hört, riecht, findet. Das gefällt mir sehr gut, weil es eine unglaubliche Dichte in der Zufälligkeit hat."

Womit Esther Kinsky auch ihren eigenen Roman sehr gut beschrieben hat, in dem ihr das Kunststück gelungen ist, sprachlich ungeheuer vielfältige und extrem dichte Bilder zu komponieren, die dazu anregen, selbst hinzusehen und hineinzuhören in das Gelände, das einen umgibt und sich in einem selbst auftut.

Hain

von
Seitenzahl:
287 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Suhrkamp
Bestellnummer:
978-3-518-42789-7
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 02.03.2018 | 12:40 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/buch/Esther-Kinsky-Hain-,hain134.html

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