Cover Carolin Kebekus: "Es kann nur eine geben" © Kiepenheuer & Witsch

"Es kann nur eine geben": Feminismus à la Carolin Kebekus

Stand: 08.10.2021 13:08 Uhr

In ihren Sketchen seziert Carolin Kebekus messerscharf männliches Dominanzverhalten. Mit "Es kann nur eine geben" hat die Kölner Komikerin jetzt zusammen mit der Autorin Mariella Tripke ein ausdrücklich feministisches Buch geschrieben.

Cover Carolin Kebekus: "Es kann nur eine geben" © Kiepenheuer & Witsch
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von Walli Müller

Dass Carolin Kebekus sich über die Benachteiligung von Frauen richtig aufregen kann, kennt man schon von ihren Bühnen- und Fernsehauftritten. Es fängt für sie bei den Damentoiletten an, von denen es immer weniger gibt als Herren-Pissoirs - obwohl Frauen öfter müssen. "Offenbar denkt keiner darüber nach, dass die Hälfte der Menschheit kein Mann ist", sagt Kebekus. "Das klingt jetzt banal, passiert aber so oft, dass man ein ganzes Buch drüber schreiben kann."

Chancenungleichheit auf allen gesellschaftlichen Ebenen

Das hat sie nun auch gemacht. Es geht darin um Chancenungleichheit auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Der Bogen wird vom "Pay Gap", der ungleichen Bezahlung von Frauen und Männern, über "Bodyshaming" bis zur "Me Too"-Debatte gespannt. Alles sehr Daten- und Fakten-basiert, aber - soweit möglich - immer auch nochmal durch die satirische Brille betrachtet, was für den hohen Unterhaltungswert des Buches sorgt. Klar wussten wir schon, dass die Prinzessin im Märchen ohne männlichen Erlöser aufgeschmissen wäre. Aber war uns eigentlich bewusst, wie grenzdebil Schneewittchen agiert, wenn sie sich gleich dreimal von der bösen Hexe an der Tür vergiften lässt?

Ein Mal … okay, kann passieren. Von mir aus fällt man dann auch ein zweites Mal drauf rein (…) bei 'nem wirklich wahnsinnig guten Angebot. Aber, Leute, ganz im Ernst. (…) Ein drittes Mal die Tür zu öffnen … Sorry, aber das ist doch schon 'ne Diagnose. Jeder Goldhamster und sogar eine Amöbe hätte besser reagiert! Carolin Kebekus in "Es kann nur eine geben"

Mangelnde Sichtbarkeit von Frauen schon im Kinderfernsehen

Es gibt zwei absolute Aufregerthemen für die erklärte Feministin Kebekus. Zum einen: Die mangelnde Sichtbarkeit von Frauen - die schon im Kinderfernsehen anfängt, wo die handelnden Personen bis heute zu 72 Prozent Jungen sind. Selbst in der "Eiskönigin" - dem Mädchen-Filmmärchen mit Elsa und Anna - beträgt der Redeanteil der männlichen Figuren 57 Prozent. Zum anderen: Die Frauen so gern unterstellte "Stutenbissigkeit". Für weibliches Konkurrenzdenken gäbe es historische Gründe. Wer in patriarchalen Strukturen nicht zur Ehefrau erwählt wurde, hatte keine Existenzgrundlage. Und auch in moderneren Zeiten war eine "Alibifrau" in jedem Bereich erst mal genug. Da missgönnt man der anderen ihren Platz oder ihr besseres Aussehen schon mal.

Entweder Du bist die eine, die Schöne, die Auserwählte, oder Du findest nicht statt. Carolin Kebekus in "Es kann nur eine geben"

Carolin Kebekus über ihre Erfahrungen im Showbusiness

Kebekus kann das mit ihren Erfahrungen aus dem Showbusiness gut untermauern. Sie kennt selbst nur zu gut das Rivalitätsgefühl anderen Frauen gegenüber, weil auch sie sich einst freute, den einen, weiblich zu besetzenden Platz in der Comedy-Show ergattert zu haben. Im Buch "Es kann nur eine geben" erzählt sie so offen und selbstkritisch davon wie einmal in einem Interview mit WDR 5: "Da hieß es manchmal: Ja, stimmt, wir haben noch zwei frei Plätze, aber 'ne Frau haben wir schon. Damals habe ich das gar nicht hinterfragt. Also das war für mich gar nicht ein Grund, mich aufzuregen. Sondern ich habe gedacht: Ja, natürlich, so ist es, das ist ein ungeschriebenes Gesetz."

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Heute geht sie hart ins Gericht mit Programm-Verantwortlichen, die eine Riege männlicher Comedians oder Showmaster für alternativlos erklären. Es ist die schönste Pointe des Buches, die darauf folgt: Nämlich 19 ganze Seiten mit einer Auflistung weiblicher Komikerinnen, die sich für Bühnenauftritte anbieten würden. Wohltuend, sie von A bis Z durchzulesen!

Erschütterndes Kapitel über Frauenhass

Eher erschütternd: Das Kapitel über Frauenhass. Es ist entsetzlich, was prominente Fernsehstars wie Kebekus über die sozialen Netzwerke an zutiefst beleidigenden, vulgären und vor allem meist sexistischen Zuschriften bekommen. Gegen so viel Gift und Galle hilft nur Humor:

Da gehen also nicht wenige Männer davon aus, dass, wenn man eine Feministin in einer bestimmten (…) Intensität penetriert, sie aufwacht! Dann sagt sie: "Huch? Was hab ich denn nur gedacht? Um Gottes willen, man reiche mir eine Schürze! Zum Glück, der Penis der Erleuchtung hat mich berührt! Halleluja!" Carolin Kebekus in "Es kann nur eine geben"

Erfrischend unverblümte Sprache von Carolin Kebekus

Das ist eben Originalton Kebekus, den man erfrischend unverblümt finden kann, der das Buch aber vielleicht nicht zum geeigneten Geschenk für die Mutter oder Tante Ü 70 macht. Wer es gerne direkt und satirisch zugespitzt hat, der oder dem sei diese aktuelle feministische Bestandsaufnahme sehr ans Herz gelegt - genau wie die Botschaft, die Carolin Kebekus deutlich formuliert: "Die Lösung ist Vernetzung von Frauen. Weil wir sind mehr auf dieser Welt. Und wenn wir die Konkurrenz abschaffen können, dann ist ja ein Riesenschritt getan. Dann kommt ja keiner mehr an uns vorbei."

Es kann nur eine geben

von Carolin Kebekus und Mariella Tripke
Seitenzahl:
352 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Kiepenheuer & Witsch
Veröffentlichungsdatum:
7. Oktober 2021
Bestellnummer:
978-3-462-00174-7
Preis:
18,00 €

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