Stand: 17.05.2019 10:36 Uhr

Die unbarmherzige Seite Istanbuls

Unerhörte Stimmen
von Elif Shafak, aus dem Englischen von Michaela Grabinger
Vorgestellt von Jan Ehlert
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Elif Shafak beschreibt ein Istanbul jenseits der Touristenorte.

Elif Shafak gehört zu den erfolgreichsten türkischen Schriftstellerinnen unserer Zeit. Sie schreibt mittlerweile auf Englisch. In die Türkei möchte sie seit dem gescheiterten Putsch gegen Staatschef Erdogan nicht mehr reisen, Handlungsort ihrer Bücher bleibt aber die Heimat ihrer Eltern und ganz besonders Istanbul. Auch ihr neues Buch "Unerhörte Stimmen" erzählt vom Leben in der türkischen Metropole.

Erinnerungen an ein Leben vor dem Tod

Tequila Leila ist tot. Bereits bevor das Buch beginnt, ist ihr Leben bereits vorbei. Sie wurde ermordet, weggeworfen wie ein Stück Müll liegt sie in einem Abfallbehälter. Doch obwohl ihr Körper nicht mehr atmet, ist ihr Geist noch immer hellwach.

Zwar schlug Tequila Leilas Herz nicht mehr, doch ihr Hirn wehrte sich und kämpfte, bis es in einen Zustand erhöhten Wahrnehmungsvermögens gelangte, in dem es den Tod des Körpers miterlebte, aber sein eigenes Ende noch nicht zu akzeptieren bereit war. Geschäftig drängte sich Leilas Gedächtnis vor, und sammelte Bruchstücke eines Lebens, das auf sein Ende zuraste. Leseprobe

Zehn Minuten und 38 Sekunden sendet das Gehirn auch nach dem Tod eines Menschen noch Delta-Wellen aus, ähnlich, wie es dies auch tut, wenn wir schlafen. Das haben Forscher der Universität im kanadischen Ontario nachgewiesen.

Brutale Handlung - sprachliche Schönheit

Genau diese Zeit - jeder Minute ist ein Kapitel gewidmet - lässt Elif Shafak ihrer Heldin, um sich zu erinnern. An Gerüche ihrer Kindheit, wie Kardamomkaffee oder - weniger angenehm - schwitzenden Körpern. An ihre Familie, den strengen und strenggläubigen Vater, der sie verheiraten wollte, die verrückte Tante, die sich selbst verletzte, den Onkel, der sich nachts in ihr Bett schlich. Eine Kindheit, von der - auch jetzt im Tod - nicht viele schöne Erinnerungen geblieben sind.

Sie hatte gelernt, alle zärtlichen Empfindungen zu verbergen, sie höchstens hinter verschlossenen Türen zuzulassen und danach nie wieder darüber zu sprechen. Nur diese Form der Zuneigung hatten ihr die Erwachsenen beigebracht - eine Lektion mit schrecklichen Folgen. Leseprobe

Shafak beschreibt diese Zeit dennoch mit vielen poetischen Formulierungen, Anlehnungen aus Gedichten des Sufi-Mystikers Rumi, wenn etwa Wimpern wie Pfeile sind oder wenn ein Gedanke so viel Sinn ergibt wie der Seufzer eines Schmetterlings. Dieser sprachlichen Schönheit steht die brutale Handlung entgegen. Denn auch mit der Flucht nach Istanbul ist Leilas Leidensweg nicht vorbei. Sie landet im Bordell, wird verletzt und vergewaltigt.

Istanbul war keine Stadt der Chancen sondern der Narben. Es ging sofort und rapide bergab. Leseprobe

Plädoyer für die Vielfalt

Elif Shafak zeigt Istanbul von seiner unbarmherzigen Seite. Als eine Stadt, die kein Herz für Minderheiten hat. Eine Stadt, in der Prostituierte ermordet werden können, ohne dass sich Polizei und Gesellschaft besonders für die Opfer interessieren. Shafak aber gibt ihnen eine Stimme. Nicht nur der sterbenden Leila, einer trotz allen Leids wunderbar warmherzigen Frau, sondern auch ihren Freunden.

Mehr als fünf Freunde durfte man Leilas Meinung nach nicht erwarten, denn schon ein einziger war ein Glücksfall. Hatte man es ungewöhnlich gut getroffen, waren es zwei oder drei und wer unter einem Himmel voller strahlender Sterne geboren war, besaß fünf - mehr als genug für ein Leben. Leseprobe

Diese fünf sind mehr als genug für einen Roman, aus jeder ihrer Geschichten könnte man einen neuen schreiben. Nostalgie Nalan, Sabotage Sinan, Hollywood Humeyra, Jamila und Zaynab122. Außenseiter allesamt. Transsexuell, kleinwüchsig oder auf der Flucht - gestrandet am Rande der Gesellschaft, aber nicht gescheitert. Denn sie haben das wichtigste: ihre Freundschaft.

Das mag kitschig klingen, ist aber ein wunderschönes Plädoyer für die Vielfalt. Dafür, nicht zu schnell zu urteilen, sondern sein Herz zu öffnen. Gerade auch jenen gegenüber, die zu oft unerhört bleiben.

Unerhörte Stimmen

von
Seitenzahl:
432 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Kein & Aber
Bestellnummer:
978-3-0369-5790-6
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 17.05.2019 | 12:40 Uhr

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