Stand: 09.01.2017 12:40 Uhr

Die furchtlose Rache einer Gedemütigten

Die Geschichte eines neuen Namens
von Elena Ferrante, aus dem Italienischen von Karin Krieger
Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg
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"Die Geschichte eines neuen Namens" ist der zweite Teil der neapolitanischen Saga von Elena Ferrante.

Nur wenige Bücher haben mit so viel Medienaufmerksamkeit die Bühne des deutschen Buchmarktes betreten wie der erste Band der neapolitanischen Saga der geheimnisvollen Elena Ferrante: "Meine geniale Freundin". Wochenlang wurde öffentlich darüber spekuliert, wer sich hinter dem Pseudonym verbergen könnte. Dann enttarnte ein italienischer Journalist die Übersetzerin Anita Raja als Autorin. Nun erscheint der zweite Teil: "Die Geschichte eines neuen Namens".

Der erste Teil der Saga endet damit, dass die hochbegabte Lila schon mit 16 Jahren heiratet und damit auf weiteren Schulbesuch, Ausbildung und Förderung ihrer außergewöhnlichen Talente verzichtet, um eine reiche, mächtige Ehefrau zu werden. Bereits in der Hochzeitsnacht geht alles schief. Sie fühlt sich durch ihren Ehemann demütigt und gekränkt und wird obendrein von ihm vergewaltigt. Sie gibt Schulhefte mit Texten über ihre Kindheit, die sie mit elf Jahren geschrieben hat, ihrer Freundin Elena, mit der Bitte, sie nicht zu lesen und niemandem zu zeigen:

"(...) von diesen Heften ging eine verführerische Kraft aus, die Lila schon als kleines Mädchen ausgestrahlt hatte. Mit unerbittlicher Präzision hatte sie den Rione, ihre Familie, die Solaras, Stefano und jeden und alles beschrieben." Leseprobe

Eine spontane Entscheidung

Natürlich liest Elena die Hefte in der Schachtel und mehr noch, sie ist fasziniert von dem Geheimnis ihrer Natürlichkeit, sie lernt sie praktisch auswendig und trifft dann auf einer Flussbrücke eine Entscheidung:

"Ich stellte die Schachtel auf die Brüstung und schob sie langsam, Stück für Stück, von mir weg, bis sie in den Fluss fiel, als wäre sie Lila persönlich, die mit ihren Gedanken und mit ihren Worten hinunterstürzte; mit ihrer Bosheit, mit der sie jedem jeden Schlag heimzahlte; mit ihrer Art, sich meiner zu bemächtigen, wie sie es mit allen Menschen, Dingen, Ereignissen und Erkenntnissen tat; mit allem, was ihr begegnete: Bücher und Schuhe, Zärtlichkeit und Gewalt, Heirat und Hochzeitsnacht und ihre Rückkehr in unseren Rione in der neuen Rolle der Signora Raffaella Carracci."   Leseprobe

Signora Carracci - das ist der neue Name, um den es in diesem zweiten Teil hauptsächlich geht. Lila als Ehefrau, der Gewalt angetan wird, die aber intellektuell auf ihre Weise alles zurückzahlt. Furchtlos und brutal. Durch die Übergabe ihrer Schreibhefte wirkt es nachgerade so, als sei zumindest mental auch Lila Autorin jener Beschreibungen einer Kindheit in Neapel, denn der zweite Teil wird damit enden, dass Elena diese Geschichte selbst schreibt.

Literarische Version von Fernsehserien

Über ihren Verlobten kommt sie an einen Verlag, und ihr Text wird als Roman veröffentlicht. So wird es in "Die Geschichte eines neuen Namens" erzählt. Die hier versammelten Geschichten über Lila und Elena wirken wie eine sehr literarische Version von Fernsehserien, in denen sich Folge für Folge alle vorkommenden Personen mit viel Verve und Aufwand auf den Nerven herumsteigen, beleidigt sind, sich kränken, finstere Rachepläne schmieden, sich verlieben und entlieben.

Unmöglich, das ganze Gefühlsknäuel auch nur anzudeuten, aber mit jedem Kapitel wird Suchtstoff für die nächste Folge ausgestreut. Elena liebt in dieser Folge weiter den hochbegabten, älteren Mitschüler Nino Sarratore, der sie hingegen verschmäht. Zur Überbrückung der Zeit des Wartens auf Nino fängt sie eine Liebesgeschichte mit einem jungen Mann namens Antonio an: 

"Wir küssten uns ständig, hinter einem Baum, in einem Hauseingang, auf dunklen Nebenstraßen. Dann nahmen wir einen Bus und noch einen und kamen zum Bahnhof. Wir gingen zu den Teichen und küssten uns weiter auf der einsamen Straße neben den Gleisen. Ich glühte, obwohl mein Kleid dünn war und die Abendkälte mich zuweilen erschauern ließ. Von Zeit zu Zeit presste sich Antonio in der Dunkelheit an mich und umarmte mich so ungestüm, dass es mir wehtat." Leseprobe

Der arme Antonio, der Elena glühend liebt, spürt sehr wohl, dass ihr Herz nicht wirklich ihm gehört und wird sich unter schwerem seelischen Druck von ihr befreien. Wird Elena am Ende doch noch den Richtigen bekommen? Das bleibt bis zum Schluss offen - Stoff für den dritten Teil. Die beiden ersten Teile können auch vollkommen unabhängig voneinander gelesen und verstanden werden.

Die Geschichte eines neuen Namens

von
Seitenzahl:
624 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Suhrkamp
Bestellnummer:
978-3-518-42574-9
Preis:
25,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 10.01.2017 | 12:40 Uhr

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