Stand: 20.01.2020 17:06 Uhr

Aufzeichnungen eines Überlebenden 1943-45

von Ulrich Kühn
Eddy de Wind: "Ich blieb in Auschwitz" © Piper Verlag
Schon bald nach seiner Rückkehr aus Auschwitz wurde de Winds Bericht veröffentlicht, doch auf Deutsch ist er jetzt erst erschienen.

1946 erschien in den Niederlanden ein ganz außergewöhnlicher Text. Er wurde in Auschwitz geschrieben und stammte von Eddy de Wind, einem jungen jüdischen Arzt. De Wind war mit seiner Frau Friedel 1943 deportiert worden, beide hatte das Grauen des Lagers am eigenen Leib erlitten. Am 27. Januar jährt sich die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz zum 75. Mal. Eddy De Wind hat es unter kaum vorstellbaren Umständen überlebt - erstmals erscheint sein Bericht "Ich blieb in Auschwitz" nun auf Deutsch.

Man möchte weinen und die Menschheit anklagen, wenn man liest, was Eddy de Wind in Auschwitz schrieb. Die Nazis hatten ihn und seine Frau Friedel aus den Niederlanden deportiert. Kennengelernt hatten sich beide im Lager Westerbork, wo man den internierten Juden noch vormachte, "dass vielleicht alles gar nicht so schlimm würde". Er arbeitete dort als Arzt, sie als Krankenschwester in dem Saal, "in dem er das Zepter schwang". So formuliert es Eddy in seinem Buch, in dem er sich allerdings Hans nennt.

Ein um Distanz bemühter Bericht aus Auschwitz

Der Autor berichtet als Erzähler, dem ein Minimum an Distanz möglich sein muss - denn es kommt ja alles unsäglich viel schlimmer. Dabei geht es ihm, der zunächst im Krankenbau landet, verglichen mit anderen fast noch erträglich. Auch Friedel im Bau nebenan, in dem NS-Ärzte Menschenexperimente veranstalten, sieht andere Frauen schlimmer leiden. Und doch wird das Leben finster: An diesem Ort drängt das Ärgste hervor, das in Menschen lauert. Die herrschende Hierarchie zeugt sich noch unter Todeskandidaten fort.

So lief das bei den Nazis überall: SS-Männer brüllten jeden an, auch Blockälteste. Die brüllten und schlugen, auch die Polen, die sich wiederum noch Schwächere suchten, die sie anbrüllen konnten. Leseprobe

Hans, der Jude, brüllt nicht. Er hat keine Macht, er hat nur einen Rest an Hoffnung: dass Friedel und er überleben. Und tatsächlich gelingt es ihnen immer wieder, kurz miteinander zu sprechen.

Lyrische Passagen und Naturbeschreibungen neben erschütternden Fakten

Und da war ihre Stimme wie ein Lied, gesungen von einem Minarett in der Ferne, in einer stillen orientalischen Nacht. Wie ein Traum voll wehmütiger Sehnsucht, so leise wie Liebesgeflüster an einem heimlichen Ort. Leseprobe

Der merkwürdig lyrische Ton kehrt in knappen Naturbeschreibungen wieder, die wie Silberfäden diesen schwarzen Text durchziehen, wie ein schüchternes Aufglimmen der Schönheit, die der Welt doch zu eigen sein kann. Der "Mensch" hingegen, wenn er der SS angehört, erscheint in Anführungszeichen; denn der Nächste ist diesem "Menschen" nur noch Objekt und Nummer.

Wir wollten die Leiche fortbringen, aber das war verboten. Denn morgens beim Ausrücken war er mitgezählt worden, und abends musste die Zahl wieder stimmen. Daher haben wir die Leiche zum Abendappell mitgeschleppt. Leseprobe

So berichtet Häftling 150822. Nach der Ankunft hat man Hans diese Zahl eintätowiert. Der Beweis, dass einer nichts wert ist, besteht in der Willkür, mit der man ihn zur Ermordung auswählt. Das Individuum, ein Haufen Dreck.

Eine grausame und kaum erträgliche Lektüre 

Die Männer bildeten eine lange Menschenkette durch die Kellerräume, in denen drei große Öfen standen. Sie warfen sich die Urnen zu wie Käse- oder Brotlaibe. Noch nie hatte Hans so viele Tote in den Händen gehabt wie in diesen wenigen Stunden. Die Urnen waren verrostet, und wenn eine zu Boden fiel, platzte sie auf. Aber das machte nichts, einer von ihnen hatte einen Besen und kehrte alles zusammen. Wer würde je danach fragen? Leseprobe

Kontrolle, Schläge, Appelle und Hunger, sinnlose Arbeit um ihrer selbst willen: Die Häftlinge werden von einer Entmenschlichungsmaschinerie aufgesogen. Immer grausamer werden die Wendungen des Textes: Die Gaskammern von Birkenau, Geruch verbrannten Fleischs, die Lektüre ist kaum zu ertragen. Wer, wenn er Herz und Verstand hat, liest dies und nennt das "Dritte Reich" eine unbedeutende Episode deutscher Geschichte?

Eddys Frau hat die Befreiung nicht mehr erlebt

Als zuletzt die sowjetische Armee näher rückt und alles in Auflösung gerät, verlieren sich die beiden Liebenden doch. Friedel marschiert in den Tod, Hans bleibt in Auschwitz und überlebt.

Jetzt war er allein. Aber doch nicht ganz. Denn noch hatte er ihr Bild vor Augen und würde es stets vor sich haben; er würde Kraft daraus schöpfen für die Aufgabe, die ihm nun bevorstand. Leseprobe

Eddy de Wind hat nach seiner Rückkehr in die Niederlande als Psychoanalytiker kriegstraumatisierten Patienten geholfen. 1987 ist er gestorben. Sein Zeugnis ist die eindringlichste Widerrede gegen den neuerdings wieder gehegten Wahn, das Trauma Auschwitz verschwände, indem man es leugnet oder verdrängt.

Ich blieb in Auschwitz

von
Seitenzahl:
240 Seiten
Genre:
Biografie
Verlag:
Piper
Bestellnummer:
978-3-492-07001-0
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 06.01.2020 | 12:40 Uhr

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