Stand: 06.05.2019 12:40 Uhr

Als man noch Briefe schrieb

Der Postbote von Girifalco
von Domenico Dara, aus dem Italienischen von Anja Mehrmann
Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg
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Der Roman ist eine Zeitreise in einen beschaulichen, kleinen Ort in Kalabrien.

Gleich mit seinem Debütroman hat der italienische Autor Domenico Dara etliche Literaturpreise gewonnen und wurde für den renommierten Italo Calvino Preis vorgeschlagen, was eine Art Ritterschlag in der Literaturszene Italiens bedeutet. Er wurde 1971 in Kalabrien geboren und ist in Girifalco, einer kleinen, mittelalterlichen Stadt unten auf dem "Stiefel" aufgewachsen, wo auch sein Roman spielt.

Der Postbote weiß alles über die Bewohner des Ortes

Tatsächlich ist es ein bezaubernd italienischer Wohlfühlroman, der zeitlich etwas vor der Geburt von Domenico Dara angesiedelt ist, in den 60er-Jahren in Kalabrien. Es gibt noch eine Stadtgemeinschaft, in der alle alles über die anderen zu wissen meinen und unentwegt darüber reden.

Die Hauptperson ist ein Postbote, der schon als Kind die Begabung entwickelt hat, Handschriften perfekt zu imitieren. Manchmal hat er zur Rettung von Mitschülern Unterschriften gefälscht oder sich in ähnlicher Weise nützlich gemacht. Als Postbote kann er der Versuchung nicht widerstehen, Briefe zu öffnen und gelegentlich Schicksal zu spielen: eigene Briefe zu schreiben und zuzustellen.

Der Postbote von Girifalco war ein würdiger Vertreter einer Berufsgruppe, deren lange und ehrenvolle Geschichte zurückreicht bis zu Hermes, dem Argostöter ... Göttersohn, scharfäugiger Bote und Wohltäter, der angetan mit schönen goldenen Sandalen über das Meer glitt wie eine Möwe auf der Jagd nach Fischen, getragen vom Wind, in Händen den Stab, der die Menschen verzaubert. Leseprobe

Immer geht es um Liebe

Genau mit dieser zwischen hoch und tief kühn wechselnden Erzählperspektive "verzaubert" (ist das richtige Wort) Dara seine Leserschaft. Es geht natürlich um verratene Liebe, uneingestandene Liebe, lebenslang geheime Liebe in den Botschaften, die er als Bote verteilt, und nicht selten hilft er dem Glück durch eingeschmuggelte Botschaften auf die Sprünge. Nur in eigener Sache ist er einfach zu schüchtern.

Hätte er im täglichen Leben nur dieselbe Sicherheit gehabt, die er beim Schreiben an den Tag legte: Wie gut verstand er zu schreiben, wie schlecht aber zu leben! Leseprobe

Zu spät geht er der Frage nach, wer sein Vater ist. Erst als er erfährt, dass der im Nachbardorf lebte und er ihn hätte treffen können, wird ihm klar, dass er in seinem Leben etwas versäumt hat. Auch der angebeteten Rosa kann er seine Liebe nicht gestehen:

Er hätte zu der Frau fahren können, die er liebte ... in dem Moment, in dem er die Tür hinter sich zuzog, wusste der Postbote nur, dass er sich bewegen würde, dass er viel zu lange ausgeharrt hatte. Leseprobe

Traurige Nachrichten werden gegen positive ausgetauscht

Der Postbote beginnt, Briefe nicht nur im Namen anderer zu schreiben, er unterschreibt einen wichtigen Brief zum ersten Mal mit seinem eigenen Namen. Er wird langsam erwachsen, ein Prozess, der ja locker bis zum 50. dauern kann.

Viele der übrigen Söhne und Töchter des Ortes müssen ihre Familien, ihre Mütter verlassen, weil es keine Arbeit gibt. So entsteht viel Kummer in der kleinen Stadt, die Mütter haben Sehnsucht nach ihren erwachsenen Kindern, die fortgegangen sind.

Der Postbote verwandelt die Todesanzeige eines Sohnes, der in einem Kohlebergwerk in Rumänien ums Leben gekommen ist, in die Nachricht, der Sohn sei glücklich, gehe nach Patagonien und liebe herzlich seine Mutter.

Die Schönheit der Frauen, der Wein, die Speisen, die Einfachheit des Lebens wird in Daras Roman in unvergleichlicher Weise bejubelt, ohne etwas zu beschönigen. Nur der Postbote versucht das, indem er traurige Botschaften durch hoffnungsvollere austauscht. Der Roman ist in gewisser Weise auch eine Reminiszenz an die Zeit, als man noch Briefe schrieb und ungeduldig auf Briefe wartete.

Der Postbote von Girifalco

von
Seitenzahl:
480 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Kiepenheuer & Witsch
Bestellnummer:
978-3-462-05171-1
Preis:
23,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 07.05.2019 | 12:40 Uhr

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