Stand: 04.12.2019 15:22 Uhr  - NDR Kultur

Diskussion über "Ein Jahr nach Relotius"

von Jens Büchsenmann

Im Dezember 2018 waren zahlreiche Reportagen des "Spiegel"-Journalisten Claas Relotius als Fälschungen aufgeflogen. Daraus wurde bekanntlich die "Affäre Relotius". Sie hat nicht nur das Nachrichtenmagazin, sondern vor allem die gedruckte Presse nachhaltig erschüttert. Darum ging es beim Hörsalon im Hamburger Bucerius Kunst Forum.

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NDR Kultur Literaturredakteur Alexander Solloch moderierte die Diskussion, die am 15. Dezember bei NDR Kultur gesendet wird.

Der Titel der öffentlichen Gesprächsrunde lautete: "Dichtung und Wahrheit. Ein Jahr nach der Relotius-Affäre". Den Journalisten auf dem Podium ging es damals wohl, wie den meisten Menschen in Deutschland. Die Diskussion wurde von NDR Kultur Literaturredakteur Alexander Solloch moderiert.

"Spiegel"-Redakteurin Beyer war erschüttert

Der Mitherausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", Jürgen Kaube, und der Redakteur der "Süddeutschen Zeitung" Hilmar Klute konnten bis dahin mit dem Namen Claas Relotius nicht viel anfangen. Anders Susanne Bayer: Die langjährige Kulturredakteurin war, als die Fälschungen aufflogen, Mitglied der Chefredaktion beim "Spiegel" und, wie sie bekundete, regelrecht erschüttert. "Krisen können einen weiterbringen. Das war eine ordentliche, Krise, die der 'Spiegel' erlebt hat, die ich ihm überhaupt nicht gewünscht habe. Er hat daraus gute Schlüsse gezogen. Und wir alle, unsere gesamte Branche, da es nun einmal passiert ist, müssen daraus lernen", sagte Bayer.

Juan Moreno war kurzfristig erkrankt

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Hochstapler Relotius verklagt Aufdecker Moreno

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Juan Moreno deckte die Lügengeschichten von Claas Relotius auf. Der Fall erschütterte den Journalismus. Kurios: Nun wird Moreno von Relotius wegen "Unwahrheiten" verklagt. Video (03:25 min)

Aufgeflogen waren die Manipulationen durch einen "Spiegel"-Kollegen, Juan Moreno, der besagtes Buch geschrieben hat über seinen Kampf um die Wahrheit. Moreno sollte eigentlich auf dem Podium sitzen, war aber krank, sodass Susanne Bayer eingesprungen ist. Sie betonte im Verlauf der Diskussion, dass es sich beim Fall Relotius nicht allein um eine Krise des "Spiegel" handele, sondern der Presse allgemein. Woraufhin ausführlich die Technik der Reportage diskutiert wurde. Für Hilmar Klute von der "Süddeutschen" ein mühsames Puzzle von Protagonisten, die für die Fakten stehen, aus denen dann eine gut lesbare Erzählung werden kann. "Also es ist eine mühsame Zusammenstückelung von einzelnen Stimmen und das Reporterglück, das ist eine Legende. Das passiert einem vielleicht manchmal. Aber beim Relotius ist es sozusagen in Serie gegangen. Der hat auf dem Prinzip des Reporterglücks sein eigenes Reporterglück aufgebaut. Das ist unrealistisch", sagte Klute.

Kitsch gefährdet das gute Erzählen

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"Spiegel"-Redakteurin Susanne Beyer (von links), Jürgen Kaube, Herausgeber der "F.A.Z." und Hilmar Klute, Reporter und Ressortleiter bei der Süddeutschen Zeitung beim HörSalon im Bucerius Kunst Forum.

Jürgen Kaube von der FAZ setzte noch eins drauf, in dem er den Kitsch als Gefahr für gutes Erzählen des Reporters bemühte. "Es gibt eine Versuchung, ich sage jetzt nicht, beim "Spiegel", sondern im Journalismus, diesen Typ von Darstellung zu wählen. 'die Kanzlerin hat schlecht geschlafen, die Zeit reicht nicht mehr für einen Kaffee'. Das ist Journalismus als Unterhaltung. Es ist eine unsachgemäße Berichterstattung. Das müsste stärker reflektiert werden. 'Der Wind peitscht gegen die Kaimauer' ist kein guter Anfangssatz", meinte Kaube.

Dass Texte aber auch unterhaltsam sein müssen, betonte Susanne Bayer ausdrücklich und stellte fest: "Wir müssen wieder lernen gut zu erzählen". Das war einigen Zuhörern gestern zu wenig, nach immerhin zwei Stunden Diskussion. "Nach einem Jahr hätte man etwas mehr Erkenntnis erwartet", sagte eine Besucherin.

Faktencheck-Portale haben seit dem Fall Relotius Konjunktur. Unterm Strich aber bleibt Journalismus eine Sache des Vertrauens: Innerhalb der Redaktionen und zwischen Journalisten und ihren Lesern. Wie das zu verbessern sei, hat man auf dem Podium gestern nicht klären können.

Die Veranstaltung ist von NDR Kultur aufgezeichnet worden und wird am 15. Dezember im Hörsalon bei NDR Kultur ab 20 Uhr gesendet.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 04.12.2019 | 11:20 Uhr