Stand: 13.09.2021 13:27 Uhr

"Die Sieben Sprachen des Schweigens" von Friedrich C. Delius

von Annemarie Stoltenberg

Schriftsteller Friedrich Christian Delius ist eine wichtige Stimme in der deutschen Literatur seit den 60er-Jahren. Sein neues Buch hat den rätselhaften Titel: "Die sieben Sprachen des Schweigens".

Sprachskepsis und Kritik an den Mitteln der Sprache haben Tradition. Etwa der 1902 erschienene "Brief des Lord Chandos", in dem Hugo von Hofmannsthal seine Zweifel daran formulierte, dass wir uns mit den Mitteln der Literatur, mit Sprache überhaupt verständigen können. Viele haben das damals wohl ähnlich empfunden.

F.C. Delius formuliert seinen Sprachzweifel mit großer Klarheit

Friedrich Christian Delius © imago
F.C. Delius reißt sich für sein neus Buch das Herz auf und formuliert seinen Sprachzweifel mit großer Klarheit.

Für unsere heutige Zeit ist F.C. Delius derjenige, der seinen Sprachzweifel mit großer Klarheit formuliert. Er bleibt mit fast bescheidener, leiser Geste ganz bei sich, seinem eigenen Erleben und Empfinden, um darin die Welt zu spiegeln.

So erzählt er eingangs von einer Schriftstellerreise nach Israel, wo ihm damals keinerlei kluge Kommentare zum Zeitgeschehen angemessen schienen. Es war das Jahr, in dem seine erste Ehe gescheitert war.

Aber ich, wer war ich denn in diesem November 1994 in verzweifelter Lage als scheiternder Retter einer scheiternden Ehe, im Selbstvertrauen heftig wankend und so in die Defensive geraten, dass es doppelt absurd und arrogant gewesen wäre, als Autor über den Frieden zwischen Israelis und Palästinensern zu sprechen, solange ich nicht einmal Mittel wusste, den Frieden in der eigenen Wohnung herzustellen. Leseprobe

Die Modernität der Geschichte von Isaak und Abraham

Als der Pfarrerssohn Delius an der Reihe war, einen Text zu lesen, trug er eine Geschichte über die biblische Figur des Isaak vor, dessen Vater Abraham von Gott auf die Probe gestellt wird, indem er ihn auffordert, seinen Sohn zu opfern. Eine immer wieder verstörende Geschichte aus dem Alten Testament.

Wie in einer kurzen Vorlesung erklärte er dem ungebildeten Deutschen, dass bei den Phöniziern wie in Karthago noch lange Zeit die Erstgeborenen regelmäßig oder in schwierigen Situationen geopfert wurden, das Judentum sei wahrscheinlich die erste Religion, die Schluss gemacht habe mit den Kinderopfern, es sei überall ein langer Kampf gewesen, bis die Menschenopfer abgeschafft worden seien. Leseprobe

Der junge Israeli Chaim versteht seinen Kommentar nicht als Belehrung, sondern er will ins Gespräch kommen über die Modernität dieser Bibelstelle.

Es sei, sagte Chaim, in diesem Text auch der Konflikt vieler junger Israelis mit ihren Vätern, mit ihrem Staat angesprochen, immer wieder fragten sich viele der zum Wehrdienst eingezogenen, zu Kriegen gezwungenen jungen Leute, warum sie geopfert werden oder ihrer Opferung zustimmen sollten, damit ihre Väter ihre Gottesliebe beweisen können, damit die Existenz ihres von Gott und ihnen gewollten Staates gesichert bleibe. Leseprobe

Das Gesprochene hat zu wenig Wirkung

Friedrich Christian Delius tastet sich in die Sprache, die überall Fallgruben zu haben scheint. Während die Sprachskeptiker um 1900 noch an dem babylonischen Sprachenwirrwarr und den Möglichkeiten, sich zu verstehen zweifelten, ist Sprache heute geradezu ermüdend gefährlich geworden. Allzu leicht kann man etwas Falsches sagen, das andere Menschen in nicht immer vorhersehbare Wut versetzt.

Bei einer anderen Schriftstellertagung trifft Delius den ungarischen Kollegen Imre Kertész, sie machen einen Spaziergang. 

Ja, gehen wir, sagte K., seine Worte waren leise und gezielt, als sollte nur ich ihn hören, der neben ihm stand an der ruhigeren Seite des Gartens, selbst diese vier Silben sprach er, wie immer, wenn er sprach, mit feiner Melodie. Leseprobe

Während dieses Spaziergangs stellt Delius ihm im Geist Fragen, die er nicht ausspricht und hört Antworten, die K., wie er ihn nennt, geben könnte, wenn er nicht schweigen würde. Es wird viel zu viel geredet und zu wenig zugehört und das Gesprochene hat zu wenig Wirkung.

Darum geht es in diesem neuen Buch "Die sieben Sprachen des Schweigens" von Delius, für das er sich das Herz aufreißt, flüstert; sein Verzagtsein und seine Zweifel gesteht oder in den Wind wispert. Die wichtigsten Dinge sind ausgesprochen, die erforderlichen Bücher sind geschrieben, wir können uns nur mit allem wiederholen, aber es wird nichts nützen. Delius Geheimnis bleibt, warum wir uns das von ihm so gern noch einmal sagen lassen.

Die Sieben Sprachen des Schweigens

von Friedrich Christian Delius
Seitenzahl:
192 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Rowohlt
Bestellnummer:
978-3-7371-0113-4
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 14.09.2021 | 12:40 Uhr

Mehr Kultur

Eine Gruppe Wölfe beim Rangeln im Wald © picture alliance / Bernd Thissen/dpa | Bernd Thissen

"Wölfe": Mecklenburgisches Staatstheater plant Naturoper

Dabei sollen verschiedene Stimmen aus der Debatte über die Raubtiere ins Libretto einfließen. Uraufführung ist im Juni 2022. mehr