Stand: 12.10.2018 15:53 Uhr

Dicke und dünne Bücher

von Alexander Solloch

Eines der Bücher, die prominent "gefietschert" werden auf dieser Messe, heißt: "Deutschland hat Rücken". Und warum ist das so? Weil, allem Anschein nach, die Bücher, die die Leser und Kritiker von hier nach da schleppen, immer dicker werden. Wo kommt das her? Und muss das so sein? Das hat Alexander Solloch erst sich und dann andere mit ganz wertfreier Neugier gefragt.

Hier kommt ein junger Österreicher, Philipp Weiss. Er gibt sich freundlich-bescheiden, hat sich in Wahrheit aber die Unverschämtheit der Saison zuschulden kommen lassen: "Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen", fünf Bände im Schuber, tausend Seiten - und das als Romandebüt! Aber bitte, aber nein, keine Provokation sei das, sondern schiere Notwendigkeit:

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Philipp Weiss' Romandebüt ist mit tausend Seiten etwas umfangreicher geraten.

"Es treibt mich grundsätzlich so ein gewisser Hang zur Überschreitung an, das gab es schon in vorhergehenden Texten auch. Aber es geht mir tatsächlich nicht darum zu provozieren, sondern Wirklichkeit im 21. Jahrhundert fassbar zu machen, und ich glaube einfach, dass das mit herkömmlichen Mitteln nicht funktioniert und einen polyphonen, mehrstimmigen, netzwerkartigen Ansatz braucht. Kurz und gut: Es war der Versuch, Welt fassbar zu machen."

Eine überbordende literarische Anmaßung, eine Collage aus Enzyklopädie, Notizheft, Manga-Comic und traditioneller Erzählung, beim Harbourfront-Festival in Hamburg jüngst ausgezeichnet mit dem Debütantenpreis. Und die Buchwissenschaft wird diesen Roman sicher auch interessiert zur Kenntnis nehmen: Sie hat vor Kurzem schon ermittelt - und da war Weiss' Werk noch gar nicht veröffentlicht -, dass in den letzten 20 Jahren der durchschnittliche Umfang eines Romans von 320 auf 400 Seiten gestiegen ist.

Romane werden immer umfangreicher - muss das sein?

Nur 400 Seiten, fragt sich überrascht, wer auf die nominierten Titel zum Deutschen Buchpreis schaut: Haratischwili: 750 Seiten, Thome: 720 Seiten, Barbetta: 550 Seiten, Inger-Maria Mahlke hat mit immerhin noch 430 Seiten gewonnen. Ein Solitär auf der Liste (wie gern auch sonst): Maxim Biller, dessen "Sechs Koffer" auf gerade 200 Seiten kommen. Sein Verleger Helge Malchow, Chef von Kiepenheuer & Witsch, sagt zwar, er neige in solchen Fragen immer lieber zum Entdramatisieren - dicke Bücher gab es ja wohl auch schon zu Zeiten Dostojewskis.

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Verleger Helge Malchow hat die Digitalisierung im Verdacht, zu den zunehmenden Romanumfängen beigetragen zu haben.

Trotzdem, so Malchow, ist da grad was im Gange: "Also eine Theorie, die mir jetzt spontan dazu einfällt, ist die Beobachtung, dass durch das Schreiben von Büchern am Computer Manuskripte tendenziell länger werden; und zwar deswegen, weil das Schreiben leichter und dadurch undisziplinierter wird."

Es liegt also mal wieder an der Digitalisierung - für die Schriftsteller offenbar gute Fee wie böser Bub' gleichermaßen. Sie macht es einerseits so leicht - erfordert dann aber auch massive Gegenwehr.

"Ich glaube", sagt Malchow, "dass die besonders langen Bücher manchmal getragen sind von einem Widerstand gegen die Oberflächlichkeit, Schnelligkeit und Kurzschrittigkeit der digitalen Kommunikation. Sozusagen: 'Nein! Wir lassen uns vom Terror der neuen Technik nicht dazu zwingen, auch immer kürzere Bücher zu schreiben, weil angeblich die Aufmerksamkeit von Lesern immer kürzer wird.'"

Ein kleines Büchlein sollte es werden

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Alexander Solloch fragt bei Karen Duve nach, warum es mit dem "kleinen Büchlein" nicht geklappt hat.

Eine gewisse Neigung zur Opposition ist Karen Duve zwar nicht fremd, trotzdem ist ihr diesmal ganz anderes passiert. Sie stellt auf der Buchmesse ihren neuen Roman "Fräulein Nettes kurzer Sommer" vor: Es geht um eine kleine Episode im unglücklichen Liebesleben der Annette von Droste-Hülshoff, aber eigentlich geht es um Geschlechterverhältnisse im frühen 19. Jahrhundert, die Anfänge romantischen Überschwangs, den Willen zur Kunst und sowieso um alles. Ein kleines Büchlein zur Entspannung sollte es werden, 180 Seiten maximal. Es liegen vor: 570 Seiten.

"Na, das ist mir ein bisschen dazwischengekommen, dass mir die Recherchearbeit so viel Spaß gebracht hat", erklärt Duve, "und auch, dass es nicht ganz unkompliziert ist, das Verhalten von Menschen im 19. Jahrhundert zu erklären, ohne das 19. Jahrhundert selbst zu erklären. Dadurch ist das so organisch immer weiter ausgewuchert, also, es war keine Absicht dahinter. Ich wollte wirklich ein kleines, schmales Büchlein machen. Aber wenn es dann so über eine gewisse Strecke trägt, dann freut sich der Leser. Er kriegt ja auch ein bisschen mehr, so nach dem ALDI-Prinzip: Mehr fürs Geld - und darf sich dann nicht beschweren."

Darf es ein bisschen mehr sein?

Auch Philipp Weiss mit seinen tausend Seiten im Schuber hat Gefallen am Großen, Dickleibigen gefunden. Sicherheitshalber kündigt er schon einmal an, bis der nächste Roman fertig sei, könnten leicht zehn bis zwanzig Jahre vergehen. Diät-Tipps nimmt er auf der Buchmesse ohnehin nicht entgegen: "Der Literaturkritiker Denis Scheck meinte ja vor Kurzem: Mit den Romanen verhält es sich so wie mit den Menschen. In jedem dicken steckt ein dünner und schreit nach Hilfe. Ich sehe das nicht so. Mein Roman - es gibt da ja viel Japan-Bezug - ist wie ein Sumo-Ringer: Der ist gerne dick."

Alexander Solloch im Gespräch mit Karen Duve © NDR Kultur

Dicke und dünne Bücher

NDR Kultur - Journal extra -

Alexander Solloch erkundigt sich mit ganz wertfreier Neugier bei Autoren und Verlegern, warum Romane immer umfangreicher werden. Wo kommt das her? Und muss das so sein?

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal extra | 11.10.2018 | 19:00 Uhr

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