Heinrich Mann: "Der Untertan" (Buchcover) © Reclam Verlag

"Der Untertan" von Heinrich Mann: Das Streben nach Einfluss

Stand: 26.03.2021 18:05 Uhr

Zu Heinrich Manns wichtigsten Werken gehört "Der Untertan". Den Roman hat er Anfang Juli 1914 abgeschlossen und mit diesem satirischen Meisterwerk eine unglaubliche Sehergabe gezeigt.

Heinrich Mann: "Der Untertan" (Buchcover) © Reclam Verlag
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von Annemarie Stoltenberg

Anlässlich des 150. Geburtstags von Heinrich Mann, am 27. März, erscheint eine Neuausgabe seines bekannten Romans "Der Untertan". Das Schriftbild der neuen Ausgabe ist klar, angenehm leicht lesbar, mit Luft zwischen Wörtern und Zeilen. Begriffe, die heute nicht geläufig sind, und vor allem die Bezüge zu Reden von Kaiser Wilhelm II. werden erklärt und aufgeschlüsselt. Ein einordnendes Nachwort liefert die Literaturwissenschaftlerin Andrea Bartl und die Illustrationen stammen von dem Comic Zeichner und Storyboard-Artisten Arne Jysch, der sich an der Wolfang Staudte Verfilmung orientiert und in seinen Illustrationen das Szenische und Filmische, das der Roman hat, kongenial aufnimmt.

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Heinrich Manns Hauptfigur erinnert stark an Kaiser Wilhelm II

Heinrich Manns Roman hat die Struktur eines klassischen Bildungsromans. Der Held heißt Diederich Heßling. Ein Mann, den zwei Charaktereigenschaften auszeichnen: Sklavisches Unterordnungsbedürfnis und sklavisches Herrschaftsgelüst. Er weiß, die anderen ducken sich, sobald ihm ein Amt verliehen wird. Gezeichnet wird ein Gesellschaftsbild, in dem der Schutzmann über den Passanten herrscht, der Unteroffizier über den Rekruten, der Landrat über die Dörfler, der Gutsverwalter über die Bauern, der Beamte über Leute, die sachlich mit ihm zu tun haben. Das subtile an der Figur des Diederich Heßling ist, dass er eine Kopie des Kaisers ist und genau die Ausdrücke des kaiserlichen Vorbilds verwendet, wenn er sich an seine Untergebenen wendet:

"Leute! Da ihr meine Untergebenen seid, will ich euch nur sagen, dass hier künftig forsch gearbeitet wird." Leseprobe

Mann beschreibt in "Der Untertan" eine unerträgliche Doppelmoral

Seine erste Geliebte heißt Agnes Göppel, eine typische Femme fragile der Jahrhundertwende. Als der Vater der jungen Frau sich an Diederich Heßling wendet, um für die Ehre seiner Tochter zu kämpfen, sagt der dem besorgten Vater:

Wenn Sie es durchaus hören wollen: Mein moralisches Empfinden verbietet mir, ein Mädchen zu heiraten, das mir ihre Reinheit nicht mit in die Ehe bringt (…) Kein Mensch kann von mir verlangen, dass ich so eine zur Mutter meiner Kinder mache. Dafür habe ich zu viel soziales Gewissen." Leseprobe

Unnötig zu erwähnen, dass er selbst ihr die Reinheit geraubt hat. In Wirklichkeit hat er eine Verlobte gewählt, die aus vermögenderen Verhältnissen stammt als die arme Agnes. Es geht in diesem Roman im Geschäftlichen wie im Privaten um das Streben nach Macht und Einfluss. Um sich ducken, regieren, herrschen und befehlen. Andrea Bartl schließt ihr historisch einordnendes Nachwort mit der Bemerkung: "Heßling lebt selbst bis heute weiter: Vielleicht führt er ja heute seine Investment-Tätigkeit in Bad Banks im Kleinen zu größeren Finanzkrisen, vielleicht buckelt er sich in den politischen Parteien auch unserer Gegenwart nach oben oder lässt sich von diversen Influencern in den Social Media in seiner eigenen Identitätslosigkeit mit Waren und Meinungen abfüllen, vielleicht wird er in der Uferlosigkeit des Internets zum notorischen Nörgler, Querulanten und Verschwörungstheoretiker."

Kurz: Diederich steckt noch heute in uns. Es kann also durchaus lohnenswert sein, diesen Klassiker neu zu lesen.

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Der Untertan

von Heinrich Mann
Seitenzahl:
494 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
Illustriert von Arne Jysch, herausgegeben von Werner Bellmann, Nachwort von Andrea Bartl. Gebunden mit Schutzumschlag, Fadenheftung, Lesebändchen, Format 16 x 24 cm, 7 Abbildungen.
Verlag:
Reclam
Bestellnummer:
978-3-15-011326-4
Preis:
36,00 €

Dieses Thema im Programm:

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