Sigrid Nunez: "Der Freund" (Cover) © Aufbau Verlag

"Der Freund": Ein ungewollter neuer Begleiter

Stand: 20.01.2020 13:32 Uhr

Für ihr neues Buch "Der Freund" hat Sigrid Nunez in den USA bereits den National Book Award erhalten. Nun erscheint der Roman auch auf Deutsch. In "Ein Freund" wird die Geschichte zwischen einer Frau und einem Hund, einer Dogge, erzählt.

von Annemarie Stoltenberg

Es ist eines der Bücher, in die man sich nach ein paar Sätzen verliebt. Wegen der Klugheit und unverblümten Offenheit, mit der diese Autorin einsteigt. Die Ich-Erzählerin ist Schriftstellerin und sie befindet sich in Trauer.

Von dem vielen Weinen hatte ich Kopfweh bekommen, ich hatte seit Tagen pochende Kopfschmerzen. Leseprobe

Sie weint aus Kummer um ihren besten Freund. Sie hat alle seine drei Ehefrauen überdauert und wäre eigentlich gern selbst seine Lebenspartnerin gewesen. Ihr Freund aber schwirrte als Schwerenöter umher und brach etlichen Frauen das Herz. Er war Schriftsteller und lehrte, genauso wie die Ich-Erzählerin, kreatives Schreiben. Nun hat er sich das Leben genommen und die dritte Ehefrau möchte sie sprechen.

"Der Freund": Eine riesige Dogge, in einer winzigen Wohnung

Die letzte Ehefrau kommt zusammen mit "Apollo", einer 80 Kilo schweren dänischen Dogge, und bittet die Ich-Erzählerin, den Hund zu sich zu nehmen. Ihr Mann habe, als es um den Hund ging, mehrfach ihren Namen gesagt:

Sie lebt allein, sie hat keinen Partner, keine Kinder, kein Haustier, sie arbeitet vor allem zu Hause und sie liebt Tiere. Leseprobe

Aber es geht nicht. Die Ich-Erzählerin lebt in einer winzigen Wohnung, eine größere kann sie sich nicht leisten, und es ist verboten, in diesem Appartement Hunde zu halten. Für Ehefrau Nummer drei zählt das nicht. Schließlich nimmt die Freundin "Apollo" doch.

Ein Tier in Trauer

Doch auch die Dogge ist in tiefer Trauer.

"Meistens ignoriert er mich. Er könnte genauso gut allein hier leben. Manchmal nimmt er Blickkontakt auf, schaut aber sofort wieder weg. Seine großen haselnussbraunen Augen sind erstaunlich menschlich." Leseprobe

Unsere Heldin kämpft um "Apollos" Wohlergehen. Über ein ärztliches Attest, das bescheinigt, sie brauche den Hund als Lebenshilfe, erschummelt sie die Erlaubnis, ihn in der Wohnung zu behalten. Natürlich schläft er nicht, wie Ehefrau Nummer drei versprochen hatte, artig auf einer Matte, sondern nimmt den größten Teil ihres Bettes ein. Das Apartment beginnt so nach Hund zu stinken, dass sie niemanden mehr einladen kann. Der Tierarzt sagt:

"Erwarten Sie nur nicht, dass er zu Mr. Happy Dog wird. Vielleicht erholt er sich nie, egal, was Sie tun. Und Sie werden nie erfahren, warum. Sie kennen nicht nur seine Geschichte nicht. Die Leute glauben, Hunde sind einfache Geschöpfe, und wir nehmen gern an, wir wüssten, was in ihren Köpfen vor sich geht. Aber tatsächlich finden wir heraus, dass Hunde viel geheimnisvoller und komplizierter sind, als wir bisher angenommen haben." Leseprobe

"Apollo" wird zum neuen Lebensmittelpunkt

Die Ich-Erzählerin muss neben der Sorge um den Hund auch arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Aber ihre Hauptaufgabe im Leben ist nun "Apollo". Doggen dieser Größe haben keine hohe Lebenserwartung, nur ein paar Jahre mit ihm bleiben ihr und vielleicht sind es ihre schönsten überhaupt. Die Trauer um einen Menschen verbindet sie.

Ich spiele ihm Miles Davis vor. Ich spiele ihm Bach und Arvo Pärt vor. Ich spiele ihm Prince, Adele und Frank Sinatra vor. Und Mozart, jede Menge Mozart. Leseprobe

Zwischendurch erzählt Sigrid Nunez vom Schreiben, was sie über Literatur gelernt hat und wie man schreiben muss, um Menschen zu fesseln, zu verändern oder vielleicht verhärtete Seiten der Seele aufzuweichen.

Der Freund

von Sigrid Nunez, aus dem Amerikanischen von Anette Grube
Seitenzahl:
235 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Aufbau
Bestellnummer:
978-3-351-03486-3
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 21.01.2020 | 12:40 Uhr

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