Stand: 24.09.2019 15:17 Uhr

Die Stadt der Kindheit neu entdecken

Das deutsche Zimmer
von Carla Maliandi, aus dem Spanischen von Peter Kultzen
Vorgestellt von Tobias Wenzel
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Maliandis Roman "Das deutsche Zimmer" enthält einige autobiografische Anteile.

"Das deutsche Zimmer", so heißt der Debütroman der argentinischen Autorin Carla Maliandi. Dieser Roman, genauer die Übersetzung ins Deutsche, steht zurzeit auf der sogenannten Hotlist der Unabhängigen Verlage. Am 16. Oktober wird der Hotlist-Preis auf der Frankfurter Buchmesse verliehen. Vielleicht an Carla Maliandi. In ihrem Roman hat sie ihre eigene Exilerfahrung verarbeitet.

"Für mich ist Heidelberg eine Landschaft meiner Kindheit. Da sind die ganz konkreten Gerüche, der Duft von Brot. Da ist das Gefühl der Kälte draußen. Auch das Licht dieser Stadt, das auf besondere Weise glänzt. Die Farbe, die der Neckar hat, wenn man ihn von der Brücke aus betrachtet", erinnert sich die Autorin.

Im Alter von zwei bis vier Jahren, Ende der 70er-Jahre, während der argentinischen Militärdiktatur, hat Carla Maliandi mit ihren Eltern - der Vater ein renommierter Philosoph - im Heidelberger Exil gelebt. Im dortigen Haus der Maliandis gingen exilierte und deutsche Philosophen ein und aus.

Nach Heidelberg zum Nachdenken

Glücklich und losgelöst von allem erscheint der argentinischen Autorin heute die Zeit im verträumten Heidelberg. Genauso wie der namenlosen Ich-Erzählerin ihres von Peter Kultzen überzeugend übersetzten Romans. Die kehrt dreißig Jahre später nach Heidelberg zurück.

Seit ich hier bin, wandere ich ständig ohne wirklichen Grund oder Anlass umher. Zum Beispiel sage ich zu mir: "Gehen wir doch mal zum Marktplatz." Und am Marktplatz angekommen, sage ich: "Und jetzt zur Heiliggeistkirche." Falls mich jemand fragt, könnte ich antworten, dass ich nach Heidelberg gekommen bin, um umherzuwandern, zu schlafen und umherzuwandern. Schlafen und wandern - das hört sich nach nichts Besonderem an, aber es gibt kaum etwas Besseres. Leseprobe

Stadt der Philosophie

Der Vater der Erzählerin, auch er ein Philosoph, ist gestorben und sie hat sich von ihrem Mann getrennt. Alles in ihrem Leben in Argentinien scheint zusammenzubrechen. Da verschwindet sie einfach nach Heidelberg und mietet ein Zimmer im Studentenwohnheim, ohne studieren zu wollen. In der Stadt, die für sie der Ort der Philosophen ist, will sie über sich und ihr Leben nachdenken. Gleichzeitig hofft sie, das Glück ihrer Heidelberger Kindheit lasse sich wiederherstellen. 

Die Autorin sagt: "Mich interessiert das Konzept der Trümmerliteratur: Es bleibt nichts. Nach dem Krieg muss man ja wieder bei null anfangen. Aber der Glaube ist zerstört worden und man kann keine Zukunftspläne mehr schmieden. Was bleibt, ist einfach nur die Gegenwart. Das alles hat viel mit meinem Roman zu tun, damit, was der Erzählerin passiert, und mit der Art und Weise, wie sie die Geschichte erzählt."

Carla Maliandi hat ein gutes Gespür für ihre Figuren

Wieder bei Null anfangen, im Nichts nach dem Sinn des Lebens fischen, durch Heidelberg mäandern - all das hätte gähnend langweilig werden können. Aber als Leser folgt man der Ich-Erzählerin fasziniert. Einerseits, weil sie schwanger ist und deswegen von ihrer Vergangenheit eingeholt wird und gleichzeitig in die Zukunft blicken muss.

Andererseits, weil die Theatermacherin Carla Maliandi auch Prosa beherrscht und ein feines Gespür für ihre Romanfiguren hat: Für die japanische Studentin, die sich das Leben nimmt, und für deren Mutter, von der sich die Erzählerin bald verfolgt fühlt. Für einen schwulen Philosophen, dessen Freund in der Militärdiktatur ermordet wurde, und der deshalb nie mehr nach Argentinien zurückkehren will. Für weitere Fremde, die auf der Suche sind im malerischen Heidelberg.

Carla Maliandi hat ausgehend von ihrer eigenen Exilerfahrung als Mädchen einen Roman über das Exil an sich, das Trauern und den Wunsch geschrieben, noch einmal neu anzufangen. Ein bemerkenswertes Debüt, das wunderbar entrückt endet.

Das deutsche Zimmer

von
Seitenzahl:
252 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Berenberg
Bestellnummer:
978-3-946334-59-0
Preis:
24,00 €

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