Stand: 19.02.2020 11:52 Uhr  - NDR Kultur

Colm Tóibín erzählt antikes Drama neu

Haus der Namen
von Colm Tóibín, aus dem Englischen von Giovanni Bandini und Ditte Bandini
Vorgestellt von Alexander Solloch

Was hat uns das heute noch zu sagen? Diese Frage wird mit großer Beharrlichkeit gerade an solche Geschichten herangetragen, die längst bewiesen haben, dass sich ihre Kraft nicht einfach verbraucht. Eine solche Geschichte ist die Orestie, der Mythos von jenem Königsgeschlecht, das sich dank des Zutuns von Göttern, Sehern und Rachegeistern Stück für Stück selbst vernichtet. Erst wird die Tochter vom Vater geopfert, dann der Vater von der Mutter ermordet, was wiederum den Sohn als Rächer auf den Plan ruft: Orestes, den Muttermörder der griechischen Antike.

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Am Grundgerüst der alten Sage ändert der Autor nichts, auch wenn er andere Schwerpunkte setzt.

Ein selten blutrünstiger Mythos ist das, der Autoren seit jeher zu neuen Interpretationen herausfordert. Nun auch Colm Tóibín, den irischen Schriftsteller, der die Kraft alter Stoffe nie bezweifelt hat. Mit seinem Roman "Marias Testament" hatte er eine Neuinterpretation der christlichen Familie vorgelegt, nun folgt das Gegenstück: "Haus der Namen" heißt sein Roman über die mörderische Familie der Antike.

Agamemnon opfert die eigene Tochter

Schrill ist die Stimme ihrer Tochter geworden, als sie sich wiedersehen. Schriller zumindest, als sie es in Erinnerung hatte, und sicher schriller, als sie es erträgt. Also hält Klytaimnestra Abstand zu Elektra und ihrer Stimme, die nicht aufhören wird zu fragen - nach der anderen Tochter, mit der die Mutter losgezogen und ohne die sie in den Palast zurückgekehrt ist. Denn auch wenn Colm Tóibín eigene Interessen verfolgt, am Gerüst des Mythos rüttelt er nicht: Auch bei ihm lockt Agamemnon Frau und Tochter mit einer List ins Kriegslager, opfert die Tochter und löst mit dieser Tat den immer nächsten Racheakt aus.

Zwei Frauen traten an Iphigeneia heran und befreiten ihr Haar von den Nadeln, drückten ihren Kopf hinunter und schnitten ihr hastig, grob die Haare. Als eine von ihnen ihr aber in die Haut schnitt und Iphigeneia aufschrie, da war es der Schrei eines Mädchens, nicht eines Opfertiers - eines jungen, angsterfüllten, verwundbaren Mädchens. Leseprobe

Tóibín erzählt die Opferung aus Klytaimnestras Sicht. Durch ihre Augen sieht der Leser, wie die junge Frau noch versucht, ihr Schicksal lächelnd anzunehmen, als das Menschliche in ihr übernimmt - und das drängt zum Leben: Iphigeneia bäumt sich auf. Sie fleht, sie flucht, bis ihr Augen und Mund verbunden werden, damit das Opfer doch noch 'gut' zu Ende geht.

Klytaimnestra erzählt das Drama aus ihrer Sicht

Klytaimnestra - und das ist das Verlockende an Tóibíns Variante - fällt in diesem Augenblick vom Glauben ab. Mit ihr als Erzählerin kippt das Opfer, wie es die griechischen Tragiker nennen konnten, in den Mord. Noch mehr gerät ins Wanken: Schicksalsfragen gewinnen an psychologischer Tiefe, die folgenden Morde wollen begründet werden. Genaue Beobachtungen kleinste Gesten, Gemütsregungen, Stimmungen, der Stoff des Romans also, weniger der Tragödie, geraten in den Vordergrund.

Wir musterten ihn kalt, teilnahmslos. Einen Augenblick lang wollte ich nach Orestes' Amme rufen, damit sie den Jungen mitnähme, ihn ins Bett steckte, aber was immer es war, was sich zwischen Agamemnon und Orestes abspielte, es hielt mich davon ab. Es war so, als spürte Agamemnon, dass er diese Rolle des Vaters mit seinem Jungen unbedingt weiterspielen musste. In der Luft, oder in unseren Mienen, lag etwas so Inständiges, dass mein Ehemann erkannt haben musste: Wenn er sich jetzt entspannte und uns zuwandte, würde das Leben umschlagen und nie wieder dasselbe sein. Leseprobe

Die bekannte Geschichte bietet Raum für Überraschung

Vieles ließe sich über den geschickten Erzähler Tóibín sagen: über seinen lustvollen Umgang mit Locken und Teppichen, dem Spielmaterial des Mythos, über sein Gespür für Leerstellen in den Vorlagen, Raum für Überraschungen. Auch über seine unaufdringliche Art, einem alten Stoff, einer altertümlichen Sprache heutige Fragen einzuschreiben. Wie ins Gespräch kommen, ist so eine Frage, wie ein Gespräch beginnen, das Versöhnung denkbar macht? Oder: Wie umgehen mit Machthabern, die die eigenen Handlungsspielräume leugnen und so die Verantwortung für ihre Taten immer anderswo verorten?

Doch der Reiz des Textes liegt ganz in den Stimmen: Tóibín folgt abwechselnd Klytaimnestra, Elektra und Orestes. Die Frauen lässt er selbst sprechen, starke, willensstarke Ichs fordern einen da zum Verständnis heraus. Nur der Erzähler von Orestes' Geschichte bleibt beim "Er" stehen und damit auf Distanz.

Seine Geschichte geht Tóibín mit größter Freiheit an und doch wirkt gerade sie wie in mythische Ferne gerückt. Als sei seiner Tat nicht beizukommen. Als könne dieser Muttermörder nur ein zwischen den Welten, zwischen Göttern und Menschen, gefangenes Kind sein. Ein Mann ohne die Komplexität von Mutter und Schwester, ein Mann, der gern weiter mit dem Vater Schwertkämpfe ausgefochten hätte, Probeläufe für das wirkliche Leben, in das er längst hineingeraten ist. Was er dort tut, mit Schwert und sonstigem Rüstzeug, versteht er selbst nicht ganz. Im Zweifel folgen - irgendwem. Lieben - irgendwen. Nur nicht allein bleiben mit den Erinnerungen an die Toten.

"Ich kann nicht, wir können nicht, noch irgendjemanden verlieren. Es hat schon genug Tote gegeben."
"Ja", sagte sie, "es hat schon genug Tote gegeben." Leseprobe

Haus der Namen

von
Seitenzahl:
288 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hanser
Bestellnummer:
978-3-446-26181-5
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 20.02.2020 | 12:40 Uhr

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