Stand: 09.06.2020 09:48 Uhr

Charles Dickens: Erfinder unsterblicher Figuren

von Alexander Solloch

Vor 150 Jahren traf England der Schlag. Im Alter von 58 Jahren starb Charles Dickens. Er galt als einer der berühmtesten Männer des Landes. Schon damals war er ein Superstar und an Größe allenfalls von Shakespeare knapp übertroffen, so sahen es jedenfalls seine Zeitgenossen. Auch im 21. Jahrhundert lesen die Engländer voller Zuneigung in seinem gewaltigen Werk.

Charles Dickens (Foto um 1865) © picture alliance
Ein Foto, das Dickens ca. 5 Jahre vor dessen Tod zeigt

Charles  Dickens selbst nannte sich "unnachahmlich". Er brauchte ja auch nicht unter übermäßigem Mangel an Selbstbewusstsein zu leiden. Tausend Gesichter hatte dieser Mann: das lächelnde des Ironikers, das sanftmütige des Humanisten, das verzerrte des Zynikers, das verzaubernde des phantastischen Erzählers, das traurige des Bürgers, der auf die im Elend darbenden Armen schaut.

Werke wie die "Weihnachtsgeschichte" verbinden Märchen und Realität

"Dickens bietet vieles für viele", sagt die Anglistin Doris Feldmann über den Schriftsteller: "Er hat erzählerische Virtuosität, er hat ein breites Figurenrepertoire, spannende Handlung, und er mischt unterschiedliche Stile: Tragisches mit Komischem, bis hin zur Groteske. Und: Im eigentlichen Zeitalter des Realismus bindet er Phantastisches, Märchenhaftes an realistische Darstellung."

Am meisten tut er dies wohl in seiner "Weihnachtsgeschichte", der aus der Weltliteratur nie mehr zu bannenden Erzählung von Scrooge, diesem fürchterlichen Geizkragen, der zum Wohltäter wird. Seelische Verkrustungen können aufbrechen, das ist eines der zentralen Themen im Werk von Charles Dickens.

Interview
Schriftsteller Philip Ardagh liest aus "Eddie Dickens" © dpa/Picture Alliance Foto: M. C. Hurek

Über die Liebe zu Dickens und Harry Rowohlt

Charles Dickens ist vor 150 Jahren gestorben, Harry Rowohlt vor fünf. Der unvergleichliche Philip Ardagh spricht über das Glück, "Dickensian" zu sein und Harry Rowohlt gekannt zu haben. mehr

Dickens zeigt das Kind im Erwachsenen

Aber nicht allein dafür liebten und lieben ihn seine Landsleute. Philip Ardagh ist berühmt für seine Kinderbücher. Viele seiner Geschichten, vor allem die grotesken, haben Dickens-Motive. Er meint, von Dickens lasse sich zum Beispiel lernen, dass Erwachsene mindestens so kindisch sind wie Kinder.

"Ich glaube, die Leute vergessen, wie wunderbar verrückt Charles Dickens war", sagt Ardagh. "Denken Sie doch nur an die Mutter von Nicholas Nickleby, die fest davon überzeugt ist, dass ihr Nachbar in sie verliebt sei, weil er Gemüse über den Gartenzaun wirft als eine Art verschlüsselter Liebesbotschaft."

Figuren wie Oliver Twist machen Dickens unsterblich

Ardagh meint, wir neigten dazu, die "wunderbar durchgeknallten Dinge", die Dickens getan habe, zu vergessen. Hier, in der Welt von "Nicholas Nickleby" wie im düsteren London von "Oliver Twist", bei den schrägen "Pickwickiern" und in den Hochmooren von "Große Erwartungen" bevölkern unsterbliche Figuren den Dickens-Kosmos.

Dickens selbst starb am 9. Juni 1870 um 18.10 Uhr im Alter von 58 Jahren, ermattet von seiner nicht zur Ruhe kommenden Geschäftigkeit. Nie, meint Philip Ardagh, hat es seither einen Größeren als Charles Dickens gegeben, den Unnachahmlichen: "Aber es ist sehr schön, dass wir ihm wenigstens zunicken können, wenn wir die Feder ins Tintenfass tauchen."

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 09.06.2020 | 06:20 Uhr

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