Stand: 03.01.2019 12:00 Uhr

Berichte aus Europa zwischen 1923 und 1930

Reden wir Spanisch - man hört uns zu
von César Vallejo, aus dem Spanischen von Peter Kultzen
Vorgestellt von Tobias Wenzel

Der Fälschungsskandal um den "Spiegel"-Reporter Claas Relotius kam dem österreichischen Schriftsteller Robert Menasse wohl gelegen. Denn während man sich auf den großen Skandal konzentrierte, ging der kleine um Menasse weitgehend unter: Auf Nachfrage der "Welt am Sonntag" gab Robert Menasse zu, dass er sich Zitate von Walter Hallstein zu Europa ausgedacht beziehungsweise aus dessen Reden heraus kondensiert hatte. Er, Robert Menasse, dürfe aber so etwas. Er sei ja weder Wissenschaftler noch Journalist, sondern Dichter. Dabei hatte er die falschen Zitate in journalistischen Texten, unter anderem in einem Artikel für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", verwendet.

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Der Autor ist ein feiner Beobachter, der mit wenigen Worten Menschen porträtieren und Atmosphären transportieren kann.

Auch der Peruaner César Vallejo war Dichter, einer, dessen große Bedeutung man erst nach seinem Tod (er starb mit 46 Jahren in Paris) erkannte. Bei der Lektüre seiner Zeitungstexte, die er als freier Korrespondent aus Europa verfasste und die der Berenberg-Verlag nun in einer Auswahl veröffentlicht hat, beschleicht einen das Gefühl, dass sie - ganz im Sinne Menasses - freier mit den Tatsachen umgehen, als wir es heute einem Reporter zugestehen würden: "Reden wir Spanisch - man hört uns zu".

Neuanfang in Paris

Als César Vallejo 1923 von Lima nach Paris zog, war seine Bedeutung als Dichter noch nicht erkannt. Seine Freundin war infolge einer Abtreibung gestorben. Der Autor selbst hatte vier Monate unschuldig im Gefängnis gesessen. Hinzu kam sein Wunsch, "den alten Kontinent" Europa kennenzulernen. Wenige Monate nach seiner Ankunft in Paris machte er mit einem Spanier Bekanntschaft, der in einem Lokal auf andere Gäste deutete:

"Und der da, sehen Sie den? Er sagt gerade zum Kellner, er soll ihm eine kubanische Zigarre bringen. Das ist ein Extremist aus Bayern. Am Samstag wird er in Longchamp von der Polizei verhaftet werden, seine schöne Frau, die gerade rausgegangen ist, hat ihn nämlich gestern angezeigt."
Der Spanier ist mittlerweile so rot im Gesicht wie die Kirschen in der Obstschale. Als würde ihm jemand von hinten einen Arm um den Hals legen, sagt er:
"Sprechen wir lieber Spanisch. Man hört uns zu." Leseprobe

Fiktional angereicherte Berichte

Dieser Text für eine peruanische Tageszeitung erklärt nicht nur den Titel des nun auf Deutsch vorliegenden, tadellos von Peter Kultzen übersetzten Buchs, sondern ist auch ein Beleg dafür, wie Vallejo Genre-Grenzen sprengte. Denn seine "Berichte aus Europa" sind nicht nur Journalismus, sondern immer auch Literatur. Wegen ihrer sprachlichen Qualität, aber auch, weil Vallejo hier und da seinen Blick auf die Wirklichkeit fiktional anreicherte. Im doppelten Wortsinn handelt es sich also um Erzählungen.

Vallejo war ein feiner Beobachter, der mit wenigen Worten Menschen porträtieren und Atmosphären transportieren konnte. 1929 schrieb er über einen Zirkusbesuch in Berlin:

Beim Reinkommen empfängt uns ein auf einer zentralen Tribüne untergebrachtes Orchester aus an die sechzig Mitgliedern, alle streng nach Etikette gekleidet, mit der Tannhäuser-Ouvertüre. Nicht gerade klassische Zirkusmusik. […] Das tiefernste Publikum macht den Eindruck, als lauschte es lieber den Ausführungen eines Heidelberger Professors, statt sich von den Späßen eines Grock (Name eines Schweizer Clowns 1880 - 1959, Anmerkung der Redaktion) kitzeln oder durch die Kunststücke eines Jongleurs beeindrucken zu lassen, der gleichzeitig hundert Schwerter in Bewegung hält, einen Black Bottom tanzt, sich die Nase schneuzt, Euklid liest und dem Publikum zuwinkt. Leseprobe

Hang zu Übertreibungen

Der avantgardistische Schriftsteller liebte die Übertreibung. Allerdings war César Vallejo kein Fantast. Noch in Peru, als Kassierer auf einer Zuckerfarm, hatte er selbst die Ausbeutung der Arbeiter erlebt und wurde später Kommunist. Als er 1926 über den Pariser Automobilsalon schrieb, geriet der Bericht zur Abrechnung mit den "Fortschrittsfanatikern" - Vallejo rät, lieber langsam oder im Kopf zu reisen - und zur Forderung nach sozialer Gerechtigkeit:

Wenn man über dem Veranstalten von Autoausstellungen nicht daran denkt, die Gewinne des Unternehmens, das die Autos hergestellt hat, gerecht zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern aufzuteilen, wird es nichts nützen, dass der Mensch zum Mond reist oder gebratene Sterne isst oder auf drahtlosem Weg die Streichmusik der Seraphim hört. Es werden sich weiterhin Liebespärchen auf den gepolsterten Sitzen großer Renaults rekeln und küssen, während andere sich, bevor der Hunger sie umbringt, das Leben nehmen, indem sie sich just vor die Räder eines dieser vollkommenen und auf Hochglanz polierten Autos werfen. Leseprobe

Dem Berenberg-Verlag ist ein wunderbares Buch mit Texten eines Dichters zu verdanken, der auch als Journalist immer ein Schriftsteller geblieben ist.

Reden wir Spanisch - man hört uns zu

von
Seitenzahl:
136 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Berenberg
Bestellnummer:
978-3-946334-43-9
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

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Dem Berenberg-Verlag ist mit "Reden wir Spanisch - man hört uns zu" ein wunderbares Buch mit Texten von César Vallejo zu verdanken. Audio (04:50 min)

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