Cees Nooteboom: "Über das japanische Kloster Kozan-ji und die Zeichnungen der lustigen Tiere" © Schirmer/Mosel

Cees Nooteboom: "Über das japanische Kloster Kozan-ji"

Stand: 22.12.2020 13:40 Uhr

Ob in seinen Romanen, seinen Erzählungen oder Gedichten - immer nimmt Cees Nooteboom seine Leserschaft mit in die Welt - auch nach Japan.

von Joachim Dicks

Sein neues Buch führt dort an einen ganz besonderen Ort, der im Titel verraten wird. Er lautet: "Über das japanische Kloster Kozan-ji und die Zeichnungen der lustigen Tiere". Für Cees Nooteboom beginnt diese literarische Reise in der Vergangenheit.

2005, Dezember. Ein früher Morgen in Kyoto. Wir stehen an der Bushaltestelle, als wäre das nichts, zwei Fremde, die mit Bus Nr. 8 fahren wollen, das ist alles. Es sitzen nur wenige Leute drin, ein Mensch mit einer Zeitung, die anderen schauen hinaus oder auf ihr Handy.
Dies ist ein ganz gewöhnlicher Morgen, sie fahren zur Arbeit. Ich habe mein Geld hingelegt, ein Häufchen Münzen, die man kurz hört, wenn sie die Metallschale berühren. Der Betrag stimmt wohl, wir fahren los. Der Bus macht das Geräusch aller Busse. Niemand spricht und niemand sieht uns an, in Japan ist man oft unsichtbar. Leseprobe

Mit tastenden Worten erinnert sich Nooteboom an diesen Weg zu einem ganz besonderen Ort der Stille. Schon einmal war er in Japan auf dem Pilgerweg Saigoku unterwegs und hat darüber geschrieben.

Im Kloster Kozan-ji entdeckt der Autor viele Bilder

Kozan-ji liegt nicht auf diesem Weg der 33 Tempel. Aber für Nooteboom gehört das Kloster Kozan-ji dennoch in dieses meditative Umfeld. Es wurde im 12. Jahrhundert gegründet von dem Mönch Myoe. Auf einem Bild, das den Buchdeckel ziert, sitzt der Mönch auf einem Baum und meditiert. Das Bild wird für Nooteboom Anlass zu einem inneren Monolog:

Alles wirkt sehr alt, wir fallen zurück in der Zeit, ich sehe das Gold und die Bronze ringsum, die Bilder um mich herum kann ich nicht deuten, aber das macht nichts, mit dem Höheren habe ich keinerlei Schwierigkeit, ein anderer Teil meiner selbst wird hier angesprochen, als wäre es jeden Tag so, ich werde wohl tausend Jahr alt und muss plötzlich an Heidegger denken, der, als er von jemandem in einer Kirche dabei beobachtet wurde, wie er sich mit Weihwasser bekreuzigte, auf die Frage, warum er das noch mache, obwohl er den Glauben doch eigentlich hinter sich gelassen habe, zur Antwort gab: "Wo so viel gebetet wird, herrscht das Göttliche." Leseprobe

Der zweite Teil des Buches besteht aus Zeichnungen

Das Göttliche manifestiert sich für den Autor auch in anderen Zeichnungen, die er im Kloster entdeckt und deren wunderschöne Abbildungen den zweiten Teil des Buches ausmachen. Die Originale stammen aus der Mitte des 12. Jahrhunderts.

Bei Nooteboom verändert sich durch die Betrachtung der Bilder die Sprache. Die Sätze werden länger, der Atem, so scheint es, wird tiefer, die Gedankenbögen und Erinnerungsbilder sind weiter gespannt. Die Zeiten heben sich auf. Was vergangen war, wird Gegenwart.

Manchmal geschieht es, man ist an irgendetwas vorbeigegangen, etwas im eigenen Gang hat einen aufmerken lassen, ein Stocken, in der Ferne sah man die Veranda, den Garten im leuchtenden Licht, drehte sich um - bleibt stehen, schaut auf eine Bildrolle, sieht Kaninchen und Affen, sieht Füchse mit schlauen Gesichtern, es sind Tiere, die aussehen wie Menschen, aber doch Tiere bleiben, sie tanzen, kämpfen, verspotten einander, purzeln übereinander, es sind von jemandem ersonnene Wesen, die ebenfalls in diesem Kloster leben, die Welt jedoch als Spiel begreifen, das man keinesfalls zu ernst nehmen darf. Leseprobe

Wahre Worte, die gerade in diesen Tagen Trost und Inspiration geben können. Sie stammen aus einem schönen, kleinen Büchlein, das zum Jahresausklang einen Moment des Innehaltens bietet. Wunderbar!

Über das japanische Kloster Kozan-ji

von Cees Nooteboom
Seitenzahl:
86 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
Mit 25 Fotografien von Simone Sassen und 18 farbigen Zeichnungen. Format: 11,5 x 19 cm
Verlag:
Schirmer Mosel
Bestellnummer:
978-3-82960-892-3
Preis:
22,00 €

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