Caroline Albertine Mino: "Der Panzer des Hummers" (Cover) © Diogenes

Caroline Albertine Minor: "Der Panzer des Hummers"

Stand: 29.09.2021 06:06 Uhr

Caroline Albertine Minors neues Buch "Der Panzer des Hummers" erzählt von drei Geschwistern, die sich auseinandergelebt haben. Ihre experimentelle Form ist ein wenig beschwerlich zu lesen.

Caroline Albertine Mino: "Der Panzer des Hummers" (Cover) © Diogenes
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von Katja Lückert

Wenn ein Hummer wächst, muss er seinen Panzer abwerfen und warten bis ihm ein neuer gewachsen ist. Eine ungewöhnliche Metapher für die immerwährende Suche nach einem passenden Leben, auf die sich auch die drei Geschwister der Familie Gabel begeben. Niels lebt in Kopenhagen, arbeitet als Plakatierer und hat schon länger keinen festen Wohnsitz mehr. Seine Schwester Ea schickt ihm aus San Francisco ein Video mit einer recht eindeutigen Botschaft:

Now imagine, sagt Rabbi Tobin und beugt sich vor, der Hummer wäre nicht losgewandert, um nach einem solchen Versteck zu suchen, sondern stattdessen zu einem Arzt gegangen, der ihm ein Rezept für Alprazolam, Fluoxetin oder Sertralin ausgestellt hätte. Niels hat die Allegorie längst verstanden, trotzdem bleibt er sitzen und lässt sich vom Rabbi erklären, solch schwierige Phasen seien ein Zeichen für unser spirituelles Wachstum, und deshalb gehe es darum, den Schmerz nicht zu fürchten, sondern, im Gegenteil, willkommen zu heißen.   Leseprobe

Ob Niels depressiv ist, erfährt der Leser nicht. Immerhin schafft es Niels, sich ein paar Tage um das Kind seiner jüngeren Schwester Sidsel zu kümmern, als diese als Kuratorin in ein Museum nach London gerufen wird, um eine beschädigte antike Büste zu untersuchen.

Gedanken über Mutterschaft und Elternsein

Er fühlt sich rastlos und angespannt, erschöpft davon, den ganzen Tag mit einem Kind verbracht zu haben. An die ständige Aufmerksamkeit, die Laura ihm abverlangt, kann er sich nur schwer gewöhnen. Seit er sie gestern Nachmittag im Kindergarten abgeholt hatte, war nie Zeit gewesen, um zwei zusammenhängende Gedanken auf einmal zu denken. Das Buch, das er in seiner Tasche trug, hätte er genauso gut zu Hause lassen können. Er begreift nicht, wie Sidsel das schafft, tagein, tagaus. Leseprobe

Das Motiv des Elternseins, insbesondere der Mutterschaft findet sich an verschiedenen anderen Stellen des Romans wieder. Etwa, wenn Niels' Tante Elfie darüber räsoniert, warum sie nie Kinder bekommen hat. Auch Loretta, eine Kuratorin, mit der Sidsel im Museum in London zusammenarbeitet, erzählt von ihren Erfahrungen als Mutter. 

Ich gebe niemandem die Schuld, es kam einfach so. Einer von uns musste das Geld verdienen, was zur Folge hatte, dass mein erster Mann nach der Scheidung mehr oder weniger da weitermachen konnte, wo er fünfzehn Jahre vorher aufgehört hatte, wohingegen ich kaum noch wusste, wer ich selbst war, nachdem mein Jüngster von zu Hause ausgezogen war. Die Kinder hatten mich förmlich invadiert. Ich war wie eine Stadt, die zweiundzwanzig Jahre lang besetzt war, vollkommen entfremdet von meinen alten Sitten und Gebräuchen.   Leseprobe

Experimentelle Erzählform

Trotz verschiedener sehr interessanter erzählerischer Momente fällt dieser Roman ein wenig shortcut-mäßig auseinander, was die Lektüre etwas beschwerlich macht. Erst im Nachwort erfährt man dann den Grund für dieses fast gleichberechtigte Nebeneinander verschiedener Handlungsstränge. Caroline Albertine Minor hat ihren Roman nach der sogenannten 'Carrier bag'-Theorie konzipiert.

Diese geht auf die Science-Fiction-Autorin Ursula K. Le Guin zurück, die eine Abkehr von linearen, konfliktzentrierten Heldengeschichten vorschlug. So wie die Menschen und besonders die Frauen in der Urzeit, Gesammeltes in Körben, daher die Bezeichnung 'carrier bags', nach Hause trugen, so sei diese weibliche Art des Schreibens als das Einsammeln von Geschichten zu beschreiben.

Allerdings führt dies dazu, dass man hier das Gefühl hat, ständig neu einzusteigen und selten richtig anzuknüpfen an eine zusammenhängende Erzählung mit einer tragenden Identifikationsfigur. In jedem der 22 Kapitel wird ein völlig anderes Setting aufgebaut. Eine sehr ungewöhnliche, durchaus experimentelle Form des Familienporträts.

Der Panzer des Hummers

von Caroline Albertine Minor
Seitenzahl:
226 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Diogenes
Bestellnummer:
978-3-257-07178-8
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 29.09.2021 | 12:40 Uhr

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