Campino, Sänger der Band Die Toten Hosen und Fan des FC Liverpool, steht vor Spielbeginn im Stadion. © picture alliance/dpa Foto: Sven Hoppe

Campino: "Hope Street - wie ich einmal englischer Meister wurde"

Stand: 12.10.2020 11:09 Uhr

Alt-Punk, mahnende Stimme und Fußballfan: Campino, der Leadsänger der Toten Hosen, hat das Buch "Hope Street - wie ich einmal englischer Meister wurde" geschrieben.

von Susanne Birkner

Es geht in dem Buch um Campinos Leidenschaft für Fußball. Genauer gesagt um den Liverpooler FC, denn dank seiner englischen Mutter ist Andreas Frege, wie Campino bürgerlich heißt, auch britischer Staatsbürger.

FC Liverpool: 30 Jahre langes Warten

30 Jahre hat Campino darauf gewartet: In diesem Jahr ist der FC Liverpool englischer Meister geworden - in der Corona-Saison. Keine Feier also im Stadion. Den alles entscheidenden Spieltag hat Campino zusammen mit der Familie von Liverpools Trainer Jürgen Klopp auf Sylt gesehen.

Wir haben mit Ulla, Marc und Dennis verabredet, dass wir den Moment des Titelgewinns gemeinsam erleben wollen. Und wenn wir das wegen der derzeitigen Einreisebeschränkungen in England nicht hinkriegen, dann wenigstens in einer Gegend, die ein bisschen an Formby und England erinnert, und wenn es nur wegen der Strände ist. "Wir bleiben auf Sylt, bis wir das Ding gewonnen haben, und wenn es bis Oktober dauert", hat Dennis gesagt. Leseprobe

So kam es zu Campinos Freundschaft mit Familie Klopp

In "Hope Street" erzählt Campino wie es zu der Freundschaft mit den Klopps kam. As Hardcore-Liverpool-Fan hatte er sich Klopps Nummer besorgt, als der Trainer wurde und ihm erzählt, dass er eine Dauerkarte habe - prompt folgte die erste Einladung.

"Bier ist im Kühlschrank", sagte Jürgen. "Oder willst du lieber etwas anderes haben?", fragte Ulla. Anstatt auf das angebotene Bier steuerte ich auf eine offene Flasche Rosé-Champagner zu, die auf dem Tisch stand. "Ich nehme einen Schluck davon, wenn ich darf." Ein Riesenfehler, Jürgen zieht mich heute noch damit auf. Damals sagte er: "Champagner? Ich dachte, du bist Punkrocker!" Riesengelächter in der Runde. Leseprobe

"Hope Street": Eher ein Buch für Fußball-Fans

So ist das Buch auch eher für Fußball-Fans als für Punkrock-Fans. Von den Toten Hosen handelt es eigentlich nur, wenn er mit seinen Bandkollegen zum Fußball geht und mit ihnen Benefiz-Aktionen für seinen zweiten Lieblingsverein, Fortuna Düsseldorf, organisiert. Oder er Crew-Mitglieder zusammenstaucht, wenn im Backstagebereich vor einem Auftritt die Internetverbindung für die Fußballübertragung nicht reicht. Campino ist da sympathisch selbstkritisch. Er weiß auch, wie bescheuert es ist, zu jedem Heimspiel zu fliegen, oder zur Club-WM nach Katar.

"Marc, sag mal, wie stehst du eigentlich zu Katar? Kann man eigentlich nicht machen, oder?" - "Auf keinen Fall. Da gibt’s so viele Gründe gegen." - "Ja, schlimme Zustände da. Andererseits", setze ich nun an, "wenn man selbst nie vor Ort gewesen ist, darf man sich dann ein Urteil erlauben?" - "Da hast du auch wieder recht. Schwierig… Außerdem - wer wird das Team da in der Wüste unterstützen, wenn nicht wir?" - "Genau. Ja also, ich wünschte, es gäbe eine andere Lösung. Ich glaub, wir müssen da hin", erwidere ich. Leseprobe

Spannende deutsch-englische Lebensgeschichte

Manches Detail hätte sich Campino jedoch sparen können. Man muss schon großer Fan von ihm oder dem FC Liverpool sein, um ihm dabei zuzuhören, wie er in einer Kneipe Fußball guckt. Aber was das Buch und das Hörbuch, was er selbst liest, und das Buch lohnenswert macht: Die Leidenschaft für Liverpool nimmt er als Vehikel, um seine deutsch-englische Lebensgeschichte zu erzählen.

Sein Großvater war im nationalsozialistischen Berlin ein NS-kritischer Richter, sein Vater hat nach dem Krieg die studentische Hilfe für das Durchgangslager Friedland aufgebaut. An der Uni Göttingen hat er dann 1948 Jennie kennengelernt, die als einzige Studentin mit vier männlichen Studenten dorthin geschickt wurde, um Brücken zu schlagen zum gerade erst besiegten Feind. Sieben Kinder bekamen die beiden. Sechs überlebten. 

Meinen Eltern schlug anfangs viel Widerstand entgegen, auch Anfeindungen von Freunden und den Familien auf beiden Seiten: "How could you marry a German?" Es gab zudem Schlagzeilen in der Zeitung: "M. P.’s [Member of Parliament] daughter marries German". Wegen der Heirat mit einem Deutschen wurde meiner Mutter sogar die britische Staatsbürgerschaft aberkannt. Allerdings konnte sie diese zwei Wochen später wiedererlangen, als 1949 ein neues Gesetz in Kraft trat. Leseprobe

Gut, nahbar und mit einem angenehmen Sinn für Humor

Auch wenn das Buch von ihm handelt - Campino geht immer auch einen Schritt zurück: Von deutscher und britischer Nachkriegsgeschichte, Fußballdramen wie Sheffield, wo 96 Liverpool-Fans im Gedränge starben, die frühen Punk-Tage in den 70ern mit Spaß und Schlägereien in Düsseldorf bis zu Champagner und Tischtennis bei Jürgen Klopp im Keller - Campino erzählt gut und nahbar und mit einem angenehmen Sinn für Humor. 

"Hope Street - wie ich einmal englischer Meister wurde"

Seitenzahl:
368 Seiten
Genre:
Autobiografie
Verlag:
Piper Verlag
Bestellnummer:
978-3-492-07050-8
Preis:
22 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 12.10.2020 | 10:55 Uhr

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