Stand: 04.07.2019 13:35 Uhr

Annäherung an eine wenig liebevolle Mutter

Mamsi und ich
von c. Bernd Sucher
Vorgestellt von Christoph Leibold
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Der Autor erzählt von seinem angespannten Verhältnis zur Mutter.

C. Bernd Sucher war lange Theaterkritiker bei der "Süddeutschen Zeitung". Inzwischen ist er vor allem als Vortragsreisender mit seiner literarischen Reihe "Suchers Leidenschaften" unterwegs. Pünktlich zu seinem 70. Geburtstag hat er ein neues Buch vorgelegt. "Mamsi und ich" heißt es und ist keine klassische Autobiografie, sondern der Versuch, sich dem eigenen Lebenslauf über einen Umweg anzunähern: über die Aufarbeitung der Beziehung zur Mutter nämlich.

"Bernd, ich möchte darüber nicht sprechen!", erklärte die Mutter, wenn ihr Sohn sie nach der Vergangenheit fragte. Eine Gesprächsverweigerung, klipp und klar. Margot Sucher, geborene Artmann, Tochter aus großbürgerlichem Hause, war Jüdin und wurde 1942 als junge Frau, fast noch ein Mädchen, deportiert, kam in ein KZ, aber überlebte.

"Meine Mutter wurde durch den glücklichen Umstand befreit, dass sich ein polnischer Graf in sie verliebte, sie mithilfe einer Magd von den Feldern, auf denen die Jüdinnen arbeiten mussten, zu sich holte und sie versteckte. Später brachte er sie mit einem falschen Pass wieder nach Deutschland", erzählt der Autor.

Zwei Befreiungsgeschichten in einem Buch

"Die Geschichte einer Befreiung" heißt das autobiografische Buch von C. Bernd Sucher im Untertitel. Dabei erzählt er eigentlich zwei Befreiungsgeschichten: die der abenteuerlichen Rettung der Mutter vor den Nazis - und seine eigene Befreiung aus den Fängen seiner "Mamsi", die er als übermächtig erlebte, deren Lebensentscheidungen sich auch für sein Leben als prägend erweisen sollten. Zum Beispiel, was die Religion betrifft. Margot Artmann hatte schon bald nach dem Krieg geheiratet, Heinz Sucher, einen Protestanten.

So wurde auch der kleine Bernd getauft und er erklärt warum: "Mein Großvater - der christliche, den anderen gab's ja gar nicht mehr - hatte darauf gedrungen hat, dass diese Hochzeit nur zustande kommt, wenn meine Mutter zustimmt, dass die Kinder, die irgendwann geboren würden, auf keinen Fall jüdisch erzogen werden sollten."

Solche Zusammenhänge wurden Sucher aber erst klar, als er längst erwachsen war. Die Mutter erzählte ja nur wenig bis gar nichts. Was ihr Sohn bis heute über deren Geschichte in Erfahrung gebracht hat, weiß er vor allem aus Dokumenten, die er nach ihrem Tod 2005 gefunden hat. Briefe und dergleichen. Immer wieder zitiert Sucher daraus und aus eigenen Tagebüchern, die zeigen, wie sehr ihn die Beziehung zur "Mamsi" immer schon beschäftigt hat.

Beschäftigung mit Briefen und Tagebüchern

So liebevoll der Kosename auch klingen mag, Margot Sucher war eine wenig zugewandte Mutter erinnert sich der Autor: "Das zeigte sich daran, dass meine Mutter eigentlich nie zufrieden war. Wenn andere Menschen dachten, ich hätte Erfolg, und ich dachte es von mir auch, war das nie genug. Sie war eine ständig fordernde, sehr ehrgeizige Mutter, weil sie - das ist so meine kleine Erklärung: sie wollte mich dorthin haben, wo sie gestoppt worden ist. Sie war ja aus großbürgerlicher Familie und hätte dann eine riesige Karriere gemacht. Hat sie aber nicht. Sie wollte aber für ihr Kind - mich! - just diese Karriere."

Etwa ein Drittel des Buches widmet C. Bernd Sucher dem Leben seiner Mutter. Der Rest dreht sich um den eigenen Werdegang als Kulturjournalist, wobei Sucher mit Anekdoten aus und Seitenhieben auf den Kulturbetrieb einigermaßen sparsam umgeht. Vor allem geht es um die nagenden Zweifel - stets wachgehalten durch die fehlende Anerkennung der Mutter -, die offenbar zu Suchers Lebensmotor wurden. Zum Antrieb eines Verlangens, geliebt zu werden, das, so wie der Autor es beschreibt, an eitle Gefallsucht grenzt.

Ist der Autor ehrlich oder eitel?

Bei der Lektüre ist man hin und her gerissen, ob man dieses Ausstellen von Selbstzweifeln nun schonungslos ehrlich finden soll - oder aber ebenfalls eitel. Betont Sucher im Buch wie auch im Interview damit doch immer wieder, wie weit er es mit dem durch die Mutter angestachelten Ehrgeiz gebracht hat: "Das Verwunderliche ist nur - und beim Schreiben des Buches kam das auch immer wieder auf - dass ich trotz dieser Erziehung nicht gescheitert bin. Ich hätte ja auch Alkoholiker werden können oder drogenabhängig."

Jude ist, nach jüdischer Überzeugung, wer eine jüdische Mutter hat. An C. Bernd Suchers Lebensgeschichte scheint sich das auf besondere Art zu erweisen. Denn sein Buch erzählt auch davon, wie er - "ein getaufter Jud'", wie er schreibt - zum Judentum fand. Zum Glauben der Mutter und so auch zur Mutter selbst.

"Mamsi und ich" ist die Geschichte einer Annäherung an eine oft unnahbare Frau. Fast schon eine Liebeserklärung. Mindestens aber - und das ist bei aller Eitelkeit dann doch berührend - eine Geschichte des Verzeihens: "Ich bin ihr näher gekommen, weil ich noch mehr verstand, dass sie nur so erziehen konnte. Wenn jemand sowas angetan wird im Alter von 17, so alt war sie, als sie ins KZ kam, dann kann man wahrscheinlich, wenn man sich nicht selbst das Leben nimmt, nur so weiter existieren."

Mamsi und ich

von
Seitenzahl:
256 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Piper
Bestellnummer:
978-3-492-05857-5
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 05.07.2019 | 12:40 Uhr

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