Stand: 10.10.2018 17:41 Uhr

Buchpreisträgerin Inger-Maria Mahlke im Gespräch

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Ulrike Sárkány (links) hat am Rande der Frankfurter Buchmesse mit Inger-Maria Mahlke gesprochen.

Die in Hamburg geborene Schriftstellerin Inger-Maria Mahlke ist die diesjährige Gewinnerin des Deutschen Buchpreises. NDR Kultur Literaturredakteurin Ulrike Sárkány hat die Schriftstellerin in Frankfurt getroffen und mit ihr über ihren Gewinner-Roman "Archipel" gesprochen.

Frau Mahlke, "Archipel" ist der deutschsprachige Roman des Jahres 2018. Haben Sie das gut verdaut?

Inger-Maria Mahlke: Ich bin noch dabei, aber es läuft ganz gut mit dem Verdauen.

Wir haben ja schon früh gewusst, dass Sie einen tollen Roman geschrieben haben. Und bestimmt haben Sie auch schon so ein Gefühl dafür gehabt, dass das Ihr Opus magnum sein könnte, denn Sie haben vielleicht schon daran gedacht, dass der Roman in viele andere Sprachen übersetzt wird; der Titel lässt sich wunderbar ins Holländische, Französische, Englische, Italienische, Spanische und so weiter übersetzen. Warum heißt der Roman "Archipel" eigentlich so?

Mahlke: Da muss ich jetzt etwas gestehen: Der Titel ist nicht von mir. Für mich ist der Roman immer "Latitude 28,3" - das ist der Breitengrad, auf dem die Insel liegt. Der Verlag sagte, das sei etwas zu beliebig, und das konnte ich auch nachvollziehen. Der Titel ist von der Lektorenkonferenz von Rowohlt, und ich muss sagen, ich war unglaublich glücklich darüber, weil er mir absolut einleuchtet als Titel für diesen Text und ich ihn auch besser finden als den Titel, den ich hatte. Das ist aber so ein Drama, das sich bei mir durch sämtliche Bücher gezogen hat - ich bin einfach sehr schlecht in Titeln: Keines meiner Bücher trägt den Titel, den ich für das Buch hatte.

Und ich hätte gedacht, dass Sie lange darüber nachgedacht haben und das nicht einfach "Teneriffa" nennen wollten oder "Insel", sondern gleich die ganzen Kanaren zusammen nehmen. Unter anderem spielt ja auch eine kleine Insel eine Rolle, die sich ein früher Kartograf nur ausgedacht hat, wo er immer Nebel in der Entfernung gesehen und gedacht hat, dass da noch eine Insel ist. Sie schreiben, dass das heutzutage möglicherweise aufgeschüttet wird zu einem Touristenparadies.

Weitere Informationen

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Mahlke: Genau. Das, worum es eigentlich geht, ist Saint Brendan's Island oder San Borondon auf Spanisch. Saint Brendan war ein irischer Mönch, der im Mittelalter auf die Kanaren gefahren ist und behauptet hat, sie hätten eine achte Insel nicht nur entdeckt, sondern auch betreten. Man sieht sie immer noch auf mittelalterlichen Karten eingezeichnet, sie galt also lange als wirklich existent. In meinem Buch gibt es ein Unternehmenskonsortium, das - man weiß nicht ganz genau wofür - eine künstliche Insel vor den anderen Inseln bauen möchte, und die soll auch San Borondon heißen.

Wie stehen Sie eigentlich zu dieser Art von aggressivem Tourismus?

Mahlke: Ich stehe dem absolut ablehnend gegenüber. Ich erlebe den Tourismus, gerade auf den Kanaren, als eine Form der Zerstörung, landschaftlich und kulturell. Das Problem ist, dass es Inseln sind. Das heißt, dort sind alle Ressourcen begrenzt. Das gilt besonders für das Süßwasser, also das Trinkwasser. Die Hotels verbrauchen unglaubliche Mengen an Trinkwasser und machen es der einheimischen Bevölkerung sehr schwer. Dazu muss man wissen, dass die Kanarischen Inseln eine der ärmsten Regionen Europas, gleichzeitig eine der wenigen Regionen Europas sind, in der Wasser privatisiert ist - also keine öffentliche Ressource wie bei uns. Die Wasserpreise schwanken demnach extrem, und wenn man so heiße Jahre hat wie die letzten beiden, wird das Wasser erstens unglaublich teuer, sodass es sich landwirtschaftlich nicht mehr lohnt beziehungsweise man seinen Garten nicht mehr sprengen kann, und irgendwann fängt das Wasser aus dem Wasserhahn an abartig zu riechen, weil dem Chlor, Schwefel und andere Stoffe zugesetzt werden müssen, damit es überhaupt verwendbar ist.

Bis vor Kurzem, also bis zu diesem August, als "Archipel" erschien, hätten wir alle gedacht, Sie hatten so eine normale, matschige, windgepeitschte schleswig-holsteinische Kindheit. Und jetzt kam raus, dass Sie auf dieser schönen Sonneninsel, wo alle Winter-Bleichgesichter am liebsten sind, sehr viel Zeit Ihres Lebens verbracht haben. Erzählen Sie uns ein bisschen über Ihre Familie. Ich habe gedacht, vielleicht war Ihr Vater ein Hamburger Kaufmann, der in Teneriffa Bananen eingekauft hat und dann in La Laguna Ihre Mutter getroffen hat.

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Mahlke: Nein, es ist ein bisschen anders. Ich wurde früher oft gefragt, ob mein Vater eine Eingeborene geheiratet hätte. Ich habe darauf immer geantwortet: Nein, meine Mutter hat einen Eingeborenen geheiratet. Meine Mutter ist mit Ende 20 nach Deutschland gegangen, um Deutsch zu lernen. In Hamburg hat sie auf einer Studentenparty in einem Studentenwohnheim einen aus Lübeck-Travemünde stammenden Studenten kennengelernt. Zwei Jahre später haben sie geheiratet, und weitere zwei Jahre später wurde ich geboren.

Und heißt Ihre Mutter möglicherweise Mahlke-Bernadotte?

Mahlke: Nein.

Also hat keine der Figuren, die in Ihrem Roman vorkommen, irgendein realen verwandtschaftlichen Hintergrund?

Mahlke: Nein, keine der Figuren hat einen verwandtschaftlichen Hintergrund. Es gibt aber einen Ort, der tatsächlich in meinem Leben dort eine große Rolle spielt, und das ist das Asilo von La Laguna, das Altenheim. Dem begegnen wir im ersten Teil dieses Buches. Dort ist der Pförtner Julio, und meine Großmutter ist in diesem Altenheim schon seit ein paar Jahren - ich schätze diesen Ort sehr.

Sie haben in Ihrer Dankesrede ganz ausdrücklich Ihrer Verlegerin Barbara Laugwitz gedankt. Das war natürlich ein grandioser Ort und die richtige Gelegenheit, um das mal so zu sagen. Es war überhaupt Ihr erstes Buch, das Sie mit dem Rowohlt Verlag gemacht haben - vorher waren Sie beim Berlin Verlag. Heißt das, dass Barbara Laugwitz, die den Verlag jetzt verlassen muss, Sie für Rowohlt entdeckt hat?

Mahlke: In erster Linie Katja Sämann, meine Lektorin, die hat mich dahin geholt. Aber Barbara Laugwitz hat sich unglaublich für dieses Buch eingesetzt, damit es die Aufmerksamkeit und auch die Platzierung innerhalb des Verlages kriegt. Laugwitz hatte einen sehr großen Anteil daran, hat sehr früh an diesen Text geglaubt und immer gesagt, trotz der Komplexität des Ganzen: Das machen wir groß. Dafür bin ich ihr extrem dankbar, dass sie dieses Risiko eingegangen ist.

Das Interview führte Ulrike Sárkány

Das vollständige Gespräch können Sie hier oder am Sonnabend um 18.00 Uhr in der Sendung Das Gespräch hören.

Inger-Maria Mahlke © NDR/ Katja Weise Foto: Katja Weise

Das vollständige Gespräch mit Inger-Maria Mahlke

NDR Kultur - Das Gespräch -

Die diesjährige Preisträgerin des Deutschen Buchpreises spricht mit NDR Kultur Literaturredakteurin Ulrike Sárkány über ihren Roman "Das Archipel".

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Das Gespräch | 13.10.2018 | 18:00 Uhr

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