Liat Elkayam: "Aber die Nacht ist noch jung" © Kunstmann Verlag

Roman von Liat Elkayam: "Aber die Nacht ist noch jung"

Stand: 02.10.2020 15:53 Uhr

Was für Geschichten erzählen Menschen, die am Flughafen ankommen oder aufbrechen? Das fragte sich die israelische Journalistin Liat Elkayam.

von Juliane Bergmann

In der Tageszeitung Haaretz schrieb sie wöchentlich ihre Kolumne "Departures/Arrivals". Darin porträtierte sie drei Jahre lang Reisende am Flughafen Tel Aviv. Auch in ihrem gerade erschienenen Debütroman "Aber die Nacht ist noch jung" blickt sie hinter die Fassade und erzählt in kurzen Momentaufnahmen das ganze Leben einer jungen Frau.

Welche Entscheidung triffst du, wenn du vor der Wahl stehst? Und was bringst du damit ins Rollen? Kaum kniffligere Gedanken-Strudel gibt es, kaum ergebnislosere. Denn wir wissen nur sicher, was ist - nicht, was sein könnte. Liat Elkayam ist das zu wenig. Deshalb schickt sie Schneider, die Protagonistin ihres Romans, auf einen wilden Trip durch die Was-wäre-wenns.

Manche Entscheidungen bestimmen unser weiteres Leben

Sie hatte das erste Mal in ihrem Leben den Gefühlen ihres Körpers vertraut, diese zu Alleinherrscherinnen gekrönt, sie alles entscheiden lassen. Weil sie bei allem, was ihr Privatleben betraf, ihre eigene Logik stets selbst voraussah, prüfte und einordnete: leere Magie. Eitler Dunst. Unsinn. Leseprobe

Schneider ist eine clevere, introvertierte Entwicklerin für Computer-Spiele. Ihr entschlossener Zynismus, mit dem sie die Welt und ihre Mitmenschen betrachtet, hat etwas Amüsantes. Wir lernen sie kennen in drei Momenten, die jeweils ihr Leben in neue Bahnen lenken. Beginnend bei der Hochzeit mit Jonatan - einem schönen Typen, der leider viel zu sehr um seine Schönheit weiß. Richtig überzeugt scheint Schneider von dieser Verbindung nicht zu sein.

Später würden sie feststellen, dass ihre Gesichter auf dem Foto nur zur Hälfte sichtbar waren, aneinandergepresst im Krampf eines künstlichen Kusses. Leseprobe

Ein Buch mit zähen Passagen und einem erstaunlichen Ende

Jahre später befindet sich Schneider auf einer Intensivstation für Frühchen. Ihr Mädchen ist zwei Monate zu früh auf die Welt gekommen. Monotone Tage aus immer gleichen Abläufen im festen Stundentakt: schlafen, Milch abpumpen, Windeln wechseln, Baby füttern, dessen Gewicht festhalten, um sein Leben bangen. Offen gesagt: Diese sehr ausgedehnte 150-Seiten lange Passage ist in ihrer Eintönigkeit sehr anstrengend. Die psychische Folter für die junge Mutter überträgt sich auf die Leserin.

"Alle Mütter auf der Frühchen-Station stehen knapp vor der Explosion. Alle haben sie denselben Gesichtsausdruck. Den von Leben oder Tod. Es gibt keinerlei Angst, dass etwas Schlimmes geschehen wird, denn es ist bereits etwas Schlimmes geschehen."

Auch der Leser dieses Buches muss Entscheidungen treffen

Wer sich durch dieses zähe Kapitel durchbeißt, wird belohnt. Denn all das ist letztlich nur die Vorgeschichte, die zeigt, wie frustriert Schneider ist. Dann überrascht Liat Elkayam - auch formal. Ihr Buch wird zeitweise zum interaktiven Spiel, bei dem die Leserin das Handeln bestimmt. Schneider, inzwischen seit ein paar Jahren Mutter, immer noch verheiratet, landet nach einer Firmenparty mit einem Kollegen in einem Techno-Club:

• Wenn du die Einladung zum Drink ablehnst, lies bitte auf Seite 271 weiter.
• Wenn du authentisch lächelnd, mit sechsundzwanzig angespannten Gesichtsmuskeln zustimmst, blättere zu Seite 272. Leseprobe

Nach der Tristesse der vorigen Kapitel wählt man jetzt - na klar - immer den waghalsigsten Weg: Alkohol, Fremdgeküsse, Drogen. Passend zu Schneiders Rausch wiederholen sich auch beim Lesen Kapitel in wirren Schleifen. Auslassungen markieren kleine Film-Risse. Genial führt die Autorin durch die Geschichte und macht alternative Handlungsstränge auf.

• Wenn du zu denen gehörst, die zuerst das Ende lesen, um zu erfahren, wie die Geschichte ausgeht, dann ist das dein Glückstag. Blättere gleich weiter zu der Stelle, wo alles zu Ende ist - Seite 247.
• Wenn du wissen willst, wie alles angefangen hat, dann lies auf Seite 252 weiter.
• Wenn du nicht an lineare Handlung glaubst, dann kommst du bestens allein zurecht.

Charmant und augenzwinkernd setzt dieses Spiel all der Schwere des Buches etwas entgegen. Es wird klar: Die anfängliche Langatmigkeit war kein Versehen, sondern unbedingt notwendig. Damit der Knall am Ende besonders laut ist. Alles hängt zusammen: die Verzweiflung, der Exzess - und ja: die Liebe. Ein witziges, mutiges Buch. Mit Tiefsinn und Karacho.

Aber die Nacht ist noch jung

von Liat Elkajam, aus dem Hebräischen von Gundula Schiffer
Seitenzahl:
352 Seiten
Verlag:
Kunstmann
Bestellnummer:
978-3-95614-383-0
Preis:
25,00 €

Dieses Thema im Programm:

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