Stand: 12.08.2015 14:07 Uhr  - NDR Kultur

Eine Dorf-WG in den 80ern

Auerhaus
von Bov  Bjerg
Vorgestellt von Katja Weise
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Autor Bov Bjerg, Jahrgang 1965, lebt in Berlin und arbeitet auch als Schauspieler im Kabarett. 2004 erhielt er den MDR-Literaturpreis.

"Gelegentlich, sehr selten, gibt es Bücher, die sind wie Songs. Man möchte das Auge, ähnlich wie man (früher) die Nadel bei Singles wieder auf den Anfang der ersten Rille gesetzt hat, sofort wieder auf den Beginn der ersten Seite setzen," sagt der Schauspieler Robert Stadlober über den neuen Roman des Berliner Autors Bov Bjerg. Stadlober hat die Hörbuchfassung von "Auerhaus" eingelesen und fasst damit ganz gut zusammen, wie es Lesern mit diesem Buch über eine ungewöhnliche Schüler-WG in den Achtziger-Jahren gehen kann.

Vom Song zum WG- Namen

Schon der Titel liefert eine Art Soundtrack: "Auerhaus". Nur diese eine Kassette liegt griffbereit, kurz nach dem Einzug - mit dem Song "Our House", ein Song von Madness aus dem Jahr 1982. Die Dorfbewohner machen daraus Auerhaus, Auerhaus wie Auerochse  - und dabei bleibt es. Auch als aus den vier Schülern sechs geworden sind, als sie sich richtig eingerichtet haben in dem alten Haus von Frieders Opa, mitten im Dorf:

Jedenfalls, wir lebten ein richtiges Leben mit Aufstehen und Frühstückmachen und Federballspielen, mit Essenbesorgen und zusammen Kochen. (..) Ein richtiges Leben mit ziemlich viel Reden, mit Reden zum Frühstück und Reden am Mittag und Reden am Abend, und das ganze Reden bedeutete: Aufpassen auf einen von uns, der mal versucht hatte, sich umzubringen.

Durch einen Zufall hatte der Vater Frieder gerade noch rechtzeitig gefunden. Im Keller, wo er die Tabletten zusammen mit Alkohol eingenommen hatte. Frieder, der hochintelligente Bauernsohn, der Überflieger. Irgendwann, da wohnen sie schon im Auerhaus, versucht er, seinem besten Freund, dem Ich-Erzähler des Romans, zu erklären, warum:

Tiefgreifende Erkenntnis

Frieder dachte den ganzen Tag nach. Wenn er etwas herausgefunden hatte, sah er mich kurz an, als ob er auf eine Einladung wartete. Dann sagte ich Und?, und Frieder sagte, was er herausgefunden hatte. Ich sagte: Und? Frieder sagte: Ich wollte mich nicht umbringen. Ich wollte bloß nicht mehr leben. Ich glaube, das ist ein Unterschied.

Was sie eigentlich vom Leben erwarten, wissen auch die anderen noch nicht so genau. Pauline liebt das Spiel mit dem Feuer und saß wegen Brandstiftung schon in der Psychiatrie, Harry dealt, ist schwul und geht nachher doch mit Vera ins Bett, der Freundin des Ich-Erzählers. Der tut sich in der Schule schwer und hofft vor allem, sich der Bundeswehr entziehen zu können - durch einen Umzug nach West-Berlin.

Ein Dorfsheriff im vollen Ornat

Bogatzki stand mitten im Zimmer. Mitten in meinem Zimmer stand der Dorfsheriff in voller Montur. Wahnsinn. Sogar seine Mütze hatte er auf. Die stieß fast an den Deckenbalken. (..) Bogatzki zeigte mir einen Schrieb, mit Stempel und Wappen und allem. In dem stand, dass die Polizei mich abholen solle und zur Musterung bringen. Bogatzki sagte: Du hast zwei Mal eine Ladung bekommen! Du musst doch dahingehen! Ich sagte, ich dachte, es gibt noch eine dritte.

Frieder gelingt es, durch freches Auftreten vor der Musterungskommission die Situation halbwegs zu retten. Vorerst. Er hat keine Scheu vor Autoritäten, stockt die Haushaltskasse regelmäßig dreist durch Diebesgut auf - als könne ihm keiner mehr etwas anhaben, seit er sich selbst etwas angetan hat: Die Zeit im Auerhaus ist für Frieder die beste seines Lebens. Hier scheint in manchen Momenten alles möglich.

Bov Bjerg, 1965 in Württemberg geboren und seit 1984 in Berlin lebend, erzählt lakonisch und unsentimental von Aufbruch und Fürsorge, von großen und kleinen Fluchten, Lebensgier und Lebensangst. "Auerhaus" ist ein ganz besonderer "coming of age"- / Entwicklungsroman: lebensprall und todtraurig. Und wenn sich der Kreis am Ende schließt, möchte man wirklich am liebsten wieder von vorne anfangen, sich von Neuem einlassen auf diesen Ton, diesen Sound und Frieder lachen hören.

Vera leuchtete runter. Auf den Stufen lag Frieder. Ich: Weint er? Vera: Er lacht. Frieder lag auf dem Rücken, den Kopf treppauf. Unter der Bommelmütze kniff er die Augen zusammen. Er kicherte: Ich hab´s gemacht! Ich hab´s gemacht!

 

Auerhaus

von
Seitenzahl:
240 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Verlag Blumenbar
Bestellnummer:
978-3-351-05023-8
Preis:
18,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 13.08.2015 | 12:40 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/buch/Bov-Bjerg-Auerhaus,auerhaus104.html

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