Stand: 19.05.2020 11:17 Uhr

Ein neues Leben nach der Haft

von Lisa Kreissler

Im vergangenen Jahr erhielt die 1985 geborene Österreicherin Birgit Birnbacher den Ingeborg-Bachmann-Preis für ihre Erzählung "Der Schrank". Bereits vier Jahre zuvor war ihr Debütroman "Wir ohne Wal" erschienen. Neben ihrer Tätigkeit als Schriftstellerin ist Birgit Birnbacher Soziologin.

Birgit Birnbacher: "Ich an meiner Seite" © Zsolnay bei Hanser
Der Roman "Ich an meiner Seite" erzählt, wie es zu Arthurs Gefängnisstrafe kam und von seinen Problemen, sich danach wieder in die Gesellschaft einzugliedern.

Ihre Expertise für die Gefühlslagen von jenen, die in der Gesellschaft vom geraden Weg abgekommen sind, ist ein Leitthema ihres literarischen Schaffens. In ihrem neuen Roman "Ich an meiner Seite" erzählt sie die Geschichte eines jungen, gerade aus der Haft entlassenen Mannes.

Die Sprache ist nicht nur Mittel zur poetischen Abstraktion der Wirklichkeit, sie ist darin auch allgegenwärtiger Gebrauchsgegenstand. Sie ist zentral in Gesprächen, Therapien und in den peripheren sozialen Einrichtungen unserer Gesellschaft. Mit "Ich an meiner Seite" gelingt Birgit Birnbacher das Kunststück, Gebrauchssprache und literarisches Erzählen auf aufregende Weise miteinander zu verbinden.

"Wie sie halt so sind." Dann ist er hineingegangen ins Haus und den Satz nicht mehr losgeworden. Er klang und klang, im Ohr und in der Küche, im Badezimmer und später im Bett, im geschlossenen Mund. Wie sie halt so sind. Leseprobe

Arthur bemüht sich um eine erfolgreiche Wiedereingliederung

Der junge Arthur kommt aus der Haft direkt in das enge Korsett der Wiedereingliederung. Gedemütigt, geduckt und doch mit dem Willen, das Beste aus diesem neuen Anfang zu machen, bezieht er sein Bett in einer betreuten WG. Stück für Stück will man ihn dort auf seinen schwierigen Weg zurück auf die eigenen zwei Füße vorbereiten.

Begleitend nimmt Arthur an einer Studie teil, die das sogenannte Starring-Prinzip erforscht. Die Probanden entwerfen eine bestmögliche Version ihrer selbst, wie die Hauptfigur in einem Hollywoodfilm. In unsicheren Momenten, so die These, können sie in Zukunft auf die Verhaltensweisen dieses idealen "Ichs" zurückgreifen.

"Nicht wer wir sein wollen, ist entscheidend, sondern wen wir darstellen können. Verstehen Sie den Unterschied?" So erklärt es Arthur Herr Vogl, genannt Börd, der zerzauste Versuchsleiter der Studie. Während der Begegnungen mit Börd, wenn die beiden zum Beispiel hilflos Turnübungen machen, wird Arthur nach und nach klar, dass er nicht der Einzige ist, dem die zerstörerische Last der Einsamkeit auf den Schultern liegt.

Unklar ist, wie Arthur zum Verbrecher wurde

Wo Arthurs eigene Biografie den folgenschweren Knick gemacht hat, erkundet Birgit Birnbacher mit bewusster Betonung auf der Ambivalenz der Ereignisse. Arthur wächst in Österreich auf, an der Seite einer starken Mutter und eines sensiblen Bruders. Zwar ist die Abwesenheit des Vaters eine fragile Stelle, aber sie bleibt eben nur ein Puzzleteil. Warum Arthur später zum Verbrecher wird, ist eines der Rätsel ohne eindeutige Lösung.

Ein möglicher Wendepunkt: Mitten in seiner Kindheit eröffnet Arthurs Mutter ein Hospiz in Andalusien. Unter all den Sterbenden in seinem neuen Zuhause freundet sich Arthur mit der schwerkranken Schauspielerin Grazetta an, und er beginnt in der Kulisse der heilen Welt am Meer eine Dreiecksbeziehung mit Milla und Princeton.

Wie der einzige Mensch fühlt sich Arthur, als er sich vollkommen allein seinen Weg durch diese Bonbonlandschaft bahnt, lächerlich gemacht von der Nachmittagssonne, die ihn anstrahlt, als wäre es längst altmodisch aus Fleisch und Blut zu sein. Leseprobe

Sprache als Mittel, die Würde eines Menschen zu bewahren.

Wie sehr Arthur aus Fleisch und Blut ist, erfährt er während seiner Haft.

Arthur hat den größten Fehler gleich am Anfang gemacht: Er hat sich so gezeigt, wie er ist. Er hat allen die Hand gegeben, die ihn angeschaut haben. Er hat sich mit seinem Namen vorgestellt und gefragt, welches Bett seines ist. Da haben sie ihn angeschaut wie einen Alien. Da haben sie gewusst, der Kerl ist leichte Beute. Und dann ging es auch schon los. Leseprobe

Ein Gleichgewicht zu finden zwischen der Rolle, die jeder Mensch spielen muss, um nicht unterzugehen, und dem Ausleben seiner wahren Bedürfnisse und Gefühle - um diese Schwierigkeit geht es in "Ich an meiner Seite". Besonders eine Szene dieses Romans wird kein Leser vergessen. In ihrer Brutalität ist sie kaum zu ertragen.

Birgit Birnbacher erzählt den Gewaltausbruch in der Viererzelle sachlich, wie mit zurückgezogenen Zügeln. Ihre demütige und doch so eigensinnige Stimme macht vor allem an solchen Stellen erfahrbar, dass die Sprache uns allen gehört, dass sie auch in den aussichtslosesten Winkeln der Wirklichkeit ein Mittel ist, um dem Menschen seine Würde zu bewahren.

Ich an meiner Seite

von Birgit Birnbacher
Seitenzahl:
272 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Zsolnay bei Hanser
Bestellnummer:
978-3-552-05988-7
Preis:
23,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 20.05.2020 | 12:40 Uhr

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