Esther Horvaths Fotos zeigen die "Expedition Arktis"

Stand: 17.11.2020 15:17 Uhr

Im September 2019 startete das Forschungsschiff "Polarstern" seine Expedition ins nordische Meereis. Mehr als ein Jahr später, am 12. Oktober 2020, kehrte sie aus der Arktis nach Bremerhaven zurück.

von Guido Pauling

Viele Menschen in Deutschland, in Europa und weltweit haben in dieser Zeit Meldungen gehört über den Plan der Wissenschaftler an Bord der "Polarstern": die klimatischen Bedingungen, das Eis, ja das ganze Ökosystem Arktis zu erforschen. Nicht nur die Angehörigen des Forscherteams haben sich gefragt, wie es den Menschen an Bord wohl ergeht, wie sie mit der eisigen Kälte, der Dunkelheit und der Einsamkeit so kurz dicht vorm Nordpol zurechtkommen.

Die Blicke begegnen sich: der des Betrachters und der der fotografierten Frau. Intuitiv treffen sich die Augenpaare. Doch der Betrachter allein hat alle Zeit, das Gesicht gegenüber - das Foto - genauer zu studieren: die winzigen Eiskügelchen an den Wimpern und Brauen der Forscherin. Die weiß gefrorene Haarsträhne, die unter der verschneiten Mütze hervorlugt. Ihre dunklen Pupillen und ein Stückchen Stirn und Nasenrücken. Das ist alles, was sich von diesem Gesicht überhaupt erkennen lässt.

Ansonsten ist ihr Kopf vollkommen von Mütze, Kapuze und Schal umhüllt. Eine Stirnlampe beleuchtet den kalt glitzernden Bohrkern aus Eis, den sie in behandschuhten Händen hält. Der Rest ist rote Schutzkleidung und Schwärze um sie herum.

Forschung auf der "Polarstern" unter extremen Klimabedingungen

"Am schlimmsten waren die kalten Hände", erzählt Fotografin Esther Horvath von ihrer Zeit auf der "Polarstern". "Die Kamera ist aus Metall und leitet die Temperatur sehr stark. Darunter habe ich fast jeden Tag gelitten. Manchmal schmerzten die Hände so sehr, dass mir Tränen über das Gesicht liefen."

Minus 35, 40 Grad musste jede und jeder im Team aushalten. Beim Ablesen der Messgeräte. Bei der Bärenwache. Auf Deck. Auf der Eisscholle - und dabei steht die Luft nicht einmal still.

"Manchmal hatten wir Windgeschwindigkeiten von 100 Kilometern in der Stunde. Ohne Schneebrille kann man da die Augen nicht aufmachen, aber durch die Schneebrille konnte ich kaum erkennen, was im Sucher scharfgestellt war", erinnert sich die Fotografin.

Programmtipp
Es ist die größte Arktis-Expedition aller Zeiten: Im September 2019 macht sich der deutsche Eisbrecher "Polarstern" auf den Weg und driftet eingefroren für ein Jahr durch die Eiswüste nahe des Nordpols. An Bord: die besten Wissenschaftler ihrer Generation. Ihre Aufgabe: Daten sammeln – über den Ozean, das Eis und die Atmosphäre. Die Mission: den Klimawandel verstehen. Die Corona-Pandemie stellt die Crew vor zusätzliche Herausforderungen. © NDR/rbb/AWI/Esther Horvath

Sendehinweis: Dokumentarfilm "Expedition Arktis" im NDR

Stirbt das Eis der Arktis? Mehr als ein Jahr lang war der deutsche Eisbrecher "Polarstern" am Nordpol unterwegs. mehr

Es ist beinahe unglaublich, was für Bilder Esther Horvath unter diesen Bedingungen gelungen sind. Die Spurrillen der Schneemobile auf der grau-weißen Fläche, hinter der ein nachtschwarzer Horizont liegt; wie ein Bild vom Mond.

Die Frauen und Männer in ihren roten Schutzanzügen - Stirnlampenschein als einzige Lichtquelle - und die vom scharfen Wind zu waagerechten und kurvigen Streifen verblasenen Eis- und Schneekristalle in der Luft.

Esther Horvaths Fotos einer einmaligen Forschungsreise

Der Bildband "Expedition Arktis" erzählt fotografisch die Geschichte dieser einmaligen, gigantischen und letztlich enorm ertragreichen Forschungsreise. In den Seiten blätternd ist man dabei: Ob das Team nun Zelte und eine Schutzhütte auf dem Eis aufbaut, drei Expeditionsteilnehmerinnen in einem ruhigen Moment an Bord Gitarre, Ukulele und Akkordeon hervorholen oder einige schwarze Gestalten durch die Nacht auf den gleißenden Schiffsscheinwerfer der "Polarstern" zugehen, begleitet von einer Person mit Gewehr - überraschender Eisbärenbesuch jederzeit möglich.

Bilder von Eisbären vom World Press Photo Award ausgezeichnet

Und da sind sie auch schon: eine Eisbärenmutter und ihr Junges. Im runden Lichtkegel des Scheinwerfers, von Nacht umgeben, untersuchen sie mit beinahe wissenschaftlichem Interesse einige Ausrüstungsgegenstände und zwei orange-rote Fähnchen, die auf langen Metallstangen ins Eis gerammt wurden.

"Das war kurz nach dem Abendessen und ich war nochmal draußen an Deck, um zu fotografieren. Plötzlich habe ich gesehen, dass sich zwei Eisbären dem Schiff näherten. Ich bin dann ganz nah vorne auf den Bug gegangen. In der dunklen Wildnis zwei Eisbären zu sehen und gleichzeitig selbst in Sicherheit auf dem Schiff zu sein - das war eine einmalige Chance."

Esther Horvath nutzte sie, und wurde für diese eine Aufnahme mit einem World Press Photo Award ausgezeichnet.

Kurze, informative Textpassagen bereichern den Band; Erklärungen zu Atmosphärenforschung, zu Biogeochemie, zu Eisdrift und Klimawandel. Gerade für Laien wird so verständlich, was die so genannte "MOSAiC-Expedition" erforscht hat und welchen Wert die in der Arktis gewonnenen Daten in Zukunft noch haben werden.

Doch zum Mitfühlen, Mitzittern und - aus dem bequemen Buchsessel heraus - Miterleben sind Horvaths Fotografien von enormem Wert. Beeindruckend schön, wie auch beeindruckend nah dran, zeigen sie die je nach Licht weite oder enge Landschaft, die Naturgewalt und Wandelbarkeit der Natur, und - wie es in einem der letzten Sätze des Schlusskapitels heißt - das Ende der alten Arktis.

Expedition Arktis

von Esther Horvath (Fotos), Texte von Sebastian Grote und Katharina Weiss-Tuider
Seitenzahl:
288 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
Mit einem Vorwort von Markus Rex. Hardcover, 24,0 x 30,0 cm, 160 farbige Abbildungen
Verlag:
Prestel
Bestellnummer:
978-3-7913-8669-0
Preis:
50,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 15.11.2020 | 16:20 Uhr

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