Stand: 10.08.2016 16:04 Uhr  | Archiv

Norddeutsche Vielfalt von Cloppenburg bis Celle

von Andrea Schwyzer

Auf Landkarten des 19. Jahrhunderts sieht man, grob gesprochen, vier Länder im Nordwesten Deutschlands: Das Königreich Hannover, das Herzogtum Braunschweig, das Großherzogtum Oldenburg und das Fürstentum Schaumburg-Lippe. Diese vier historischen Länder gibt es heutzutage nicht mehr; das Geschichtsbewusstsein und der dahinter stehende Lokalpatriotismus leben aber fort in dem Gebiet, das seit 1946 offiziell Niedersachsen heißt. So vielfältig wie die unterschiedliche historische Entwicklung der einzelnen Landesteile sind auch Städte, Landschaften und Menschen dieses Bundeslandes. "Niedersachsen - Eine Fotoreise durch das Land der Vielfalt" heißt ein vor kurzem erschienener Bildband des aus der Eifel stammenden Wahl-Hannoveraners Karl Johaentges.

Papenburg: Unwirklich schiebt sich von rechts ein gigantisches Kreuzfahrtschiff ins Bild - einer Fata Morgana gleich. Als würde es über das Festland, den Deich, gezogen. Gemächlich folgt es der Ems Richtung Meer. Göttingen: Neugierige Kühe, schwarz-weiß gefleckt, präsentieren ihre vom Herumtollen auf der Weide dreckigen Knie. Beobachtet werden sie dabei von riesigen Windenergierädern. Harz: Es scheint, als würden leicht nach vorne gebückte, Wind und Eis trotzende Reisende die weitläufige, schneebedeckte Ebene zu überqueren versuchen. In Wahrheit sind es zugeschneite Büsche.

Historischer Exkurs inklusive

In seinem Vorwort schreibt der ehemalige und langjährige Pastor der Marktkirche Hannover Hans Werner Dannowski:

"Zwei sonore Schläge klangen von der Kirchturmuhr herüber, als wir auf den Wagen eines bäuerlichen Abholkommandos in das Dorf einfuhren. Es war der 15. Februar 1945. Die beiden Uhrenschläge dieser Nacht haben sich tief in meine Erinnerung eingegraben. Das Ende der langen Flucht war damit angekündigt. War es auch ein Willkommensgruß? Wir hatten nie darüber nachgedacht, wo unsere Flucht vor den russischen Panzern und Armeen enden würde. Gelandet waren wir in einem Dorf in der Nordheide. In einem Land, das ab dem 1. November 1946 Niedersachsen heißen würde." Leseprobe

Von den Leuchttürmen an der Nordseeküste, durch die Kunsthalle in Emden, vorbei am Oldenburger Rathaus, durch das Diepholzer Moor, die Heidelandschaften rund um Lüneburg, mit Abstechern zum Wasserschloss Hämelschenburg, den Stahlwerken in Salzgitter und den Klosteranlagen in Loccum - Mit dem Kanu durch die Innenstadt von Braunschweig, zu Fuß weiter bis zum Wochenmarkt in Celle, in die historische Altstadt von Goslar... Die Vielfalt Niedersachsens macht der Wahlhannoveraner Karl Johaentges in seinem Bildband mehr als deutlich. Er hatte einen Plan, welche Orte und Landschaften er auf den rund 200 Seiten zeigen wollte, erzählt der Fotograf.

Auf einem Rindermarkt in Leer

Doch manchmal übernahm der Zufall: "Dann hatte ich zum Beispiel gehört, da in Leer, da gibt es so einen Gallimarkt, einen Rindermarkt. Und dann sind wir da auch hin, haben um fünf Uhr auf der Matte gestanden und das war für mich auch eine riesige Überraschung, dass in digitalen Zeiten der Handel noch per Handschlag abläuft. Das war toll, " so Karl Johaentges.

Bei manchen Aufnahmen spielt Johaentges mit der Bewegung, entscheidet sich für eine lange Belichtungszeit und erzeugt dadurch Unschärfen: So dreht sich das Rad der Bockwindmühle, 1638 errichtet und im Freilichtmuseum Cloppenburg zu sehen, auf der Fotografie so schnell, dass es samt Gebäude wohl bald davonfliegen wird. Obwohl digital festgehalten: Bearbeitet werden die Bilder kaum:

"Wenn ich meine Auswahl getroffen habe und ich muss da mehr als eine Minute pro Bild etwas verbessern - also einen Kontrast verbessern oder etwas heller, etwas dunkler - dann ärgere ich mich schon, dann habe ich vorher nicht gut gearbeitet. Ich versuche präzise beim Fotografieren zu sein und dann muss ich danach nicht so lange am Rechner sitzen," erklärt Johaentges.

Luftbilder gegen den Reiseführercharme

Über das Ganze gesehen wirken die Aufnahmen allerdings etwas altbacken. Café-Szenen oder von vorne abgelichtete Sehenswürdigkeiten erinnern an Reiseführer oder Werbebroschüren. Oft wählte der Fotograf die Totale oder die Halbtotale - Detailaufnahmen kann man an einer Hand abzählen.

Luftbilder bieten eine willkommene Abwechslung. Oder die Perspektive auf die Spezialität des Oldenburger Landes:

Der Grünkohl scheint einem aus dem Buch heraus entgegen zu wuchern. Üppig, dicht an dicht. Furchen verlaufen sich am oberen Bildrand, wo das Feld in weiter Ferne endet. Der Begleittext zu dieser Fotografie verrät, dass mehr als die Hälfte der niedersächsischen Fläche landwirtschaftlich genutzt wird. Leseprobe

Wer sich übrigens zwischen den Buchdeckeln, also in diesem Bundesland zu verlaufen droht, der blättert zurück auf Seite 5 und verschafft sich anhand der Karte einen Überblick. Und dann: Zurück in die weiten Flächen Niedersachsens auf Erkundungstour. (Und wer genau schaut, findet in einem Bild auch den Fotografen selbst...)

Niedersachsen - Eine Fotoreise durch das Land der Vielfalt

von
Seitenzahl:
192 Seiten
Genre:
Bildband
Verlag:
Hinstorff Verlag
Bestellnummer:
978-3356020144
Preis:
29,90 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 14.08.2016 | 17:20 Uhr

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