Stand: 24.03.2020 09:29 Uhr

Leben im Schatten einer berühmten Mutter

von Marie Schoeß

"Ein Geschenk des Himmels", so hieß der Roman, den Anne Enright 2005 herausbrachte - Untertitel "Erlebnisse einer Mutter". Aber anders als die himmlische deutsche Übersetzung des so weltlichen Originaltitels "Making babies" befürchten ließ, ging Enright das Thema Mutterschaft nicht süßlich-verklärt an. Gewaltfantasien und andere Tabus blieben nicht außen vor.

Anne Enright: "Die Schauspielerin" (Cover) © Penguin
Norahs Kindheit mit der berühmten Mutter war problematisch, zumal die ihr auch nie erzählt hat, wer ihr Vater ist.

So fügte sich der Text gut ein in das Werk der Bookerpreis-Trägerin, die sich dem Kosmos "Familie" schon lange mit klarem Blick widmete. Schonungslos kann man den nennen, aber freundlich ist dieser Blick auch, offen dafür, dass vertrackte Familienverhältnissen neben allerlei Ärger auch Wärme ins Leben bringen und Spannung und Aufregung - alles also, was hineingehört in ein volles Leben.

Nicht anders ist es in dem jüngsten Roman der Autorin: "Die Schauspielerin". Hier erzählt eine Tochter und die weiß, sie ist zuallererst "Tochter von", Tochter einer großen irischen Schauspielerin.

"Was für eine Mutter war sie?" Was für eine beklemmende Frage und wer hätte die passende Antwort parat? Norah jedenfalls nicht. "Na ja" ist das einzige, was ihr einfällt, und wie zur Erklärung fügt sie an: "Sie war meine Mutter."

Norahs Mutter war eine komplizierte Frau

In diesem Satz steckt die Erkenntnis, aber auch die Wärme der Ich-Erzählerin: Norah weiß, dass jede Charakterisierung ihre Mutter auf eine Rolle festlegen würde. Diese Fixierung mutet sie ihr nicht zu. "Sie war meine Mutter", das heißt doch: Es war kompliziert, rätselhaft, zu rätselhaft, um mal eben ein Urteil zu fällen. Immerhin ist die Frage aber Anlass zu schreiben. Norah ist Schriftstellerin, und die Geschichte der Mutter will sie jetzt keinem Fremden mehr überlassen.

Die Geschichten handelt von Katherine O'Dell, dem Star, früher jedenfalls - bevor der Erfolg langsam aus dem Leben der irischen Schauspielerin kroch und vom Gefühl abgelöst wurde, betrogen worden zu sein. Um was, weiß selbst Norah nicht. Glück kann es nicht gewesen sein, denn dieses große Wort passte eigentlich nie hinein ins Leben ihrer Mutter. Selbst in den magischen Jahren nicht, den 50er-Jahren in Hollywood, als ihr Blick jeden verzauberte - auf der Leinwand und auf der Bühne.

Zum Glück saß ich am Rand der Bühne, auf dem besten aller Plätze. Ich sah die Klebebandmarkierungen am Boden und die ungeschönte Rückseite der Dinge, und in meinen Augen war diese provisorische Wirklichkeit magischer als alles, was man aus der ersten Reihe erkannte. Obwohl meine Mutter in dem Glitzerkleid natürlich trotzdem magisch wirkte. Leseprobe

Tiefe Einblicke in die Mutter-Tochter-Beziehung

Das Provisorische zieht nicht nur das Mädchen am Bühnenrand an. Auch die erwachsene Schriftstellerin weiß, dass ihre Erzählung provisorisch bleiben muss, um das Magische zu bewahren - und es gelingt. 

Immer weiter dringt Norah ins Persönliche vor, ohne wegzuschauen, aber auch ohne die Lust zu verlieren - am Leben und Erzählen. Die Karriere der Mutter ist das Sprungbrett, um die Beziehung zwischen Mutter und Tochter zu verstehen.

Diese Verbindung lässt Norah irgendwann auf sich selbst blicken. So als könne sie sich dem eigenen Ich nur über die Mutter nähern, so als könne das "Du", dieser namenlose, aber nahe, nahbare Mann, Norah erst verstehen, wenn er das Wir aus Mutter und Tochter verstanden hat.

Trotz aller Probleme ist Norahs Rückblick nicht ohne Zärtlichkeit

Als Teenager verwendete ich meine Energien darauf, vor meiner Mutter wegzulaufen beziehungsweise zu ihr zurück. Wir hatten schon zu zweit mehr als genug Liebe und Ärger, wir waren ständig miteinander beschäftigt und hatten keinen Bedarf an einem "Vater", der sich eingemischt hätte und eingeschritten wäre. Wir kamen ziemlich gut ohne ihn zurecht, besser gesagt ohne sie alle: den guten Mann, den bösen Mann, den Geliebten, das Monster, den Vampir, den Ritter in der schimmernden Rüstung, diese vielen unterschiedlichen Männer, die die Abwesenheit meines Vaters freigesetzt hatte. Leseprobe

Norah weiß nichts über ihren Vater und so nimmt er mal dieses, mal jenes Gesicht an. Nur ist das - und darin liegt die Freundlichkeit der Tochter - bei der vertrauten Mutter nicht anders. Auch sie beschreibt Norah in ihrer Brutalität, um sich dann in zärtliche Erinnerungen fallen zu lassen. So war zwar manches im Leben dieser Frauen bitter, aber die Erzählstimme wird es nie.

Diese Stimme kann zum Lachen bringen und selbst lachen: über Mütter, Männer und Sex, sie kann gnädig sein mit denen, die ihren Verstand oder Freundlichkeit verlieren. Sie erkennt die vielen Gesichter eines Menschen einfach an, schaut sie sich genau an, aus jeder Perspektive, und spürt, dass mehr darin liegt als das vermeintlich unehrliche Rollenspiel.

Die Schauspielerin

von Anne Enright, aus dem Englischen von Eva Bonné
Seitenzahl:
304 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Penguin
Bestellnummer:
978-3-328-60134-0
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

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