Anja Baumheier: "Die Erfindung der Sprache" © Kindler Verlag

Anja Baumheier: "Die Erfindung der Sprache"

Stand: 25.02.2021 13:25 Uhr

Mit "Die Erfindung der Sprache" legt die 1979 in Dresden geborene Autorin Anja Baumheier, die nicht nur schreibt, sondern auch Lehrerin für Französisch und Spanisch ist, ihren dritten Roman vor.

von Anna Hartwich

In ihrem Debüt von 2018 "Kranichland" widmete sie sich einer tragischen Familiengeschichte im geteilten Deutschland. Auch in ihrem zweiten Buch "Kastanienjahre" ist die ehemalige DDR noch sehr präsent mit einem dunklen Familiengeheimnis. Schauplatz ihres neuen Buches ist die fiktive ostfriesische Insel Platteoog.

Hubert Riese ist verschwunden. Im Sommer 2001 tritt er eine Pilgerreise auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela an. Er lässt ein idyllisches Leben in einer idealen Dorfgemeinschaft auf der fiktiven ostfriesischen Insel Platteoog hinter sich, wohin er aus dem bayerischen Bad Kissingen gekommen war. Dabei war doch alles in Ordnung, oder?

Protagonist Hubert ist Verschwörungstheoretiker

Seit ihrem Kennenlernen hatte sich Hubert sehr verändert. Noch plastisch hatte Oda in Erinnerung, wie verschlossen er gewesen war, als ihn der Auftrag, den Leuchtturm zu restaurieren, an den Platteooger Strand direkt vor ihre Füße gespült hatte. Ihre Liebe hatte ihn zum Leben erweckt, ihn aufblühen lassen. Doch im Lauf der Jahre hatte er an Strahlkraft eingebüßt. Schuld daran war Huberts Misstrauen. Leseprobe

Er wirft nämlich Fernseher aus dem Fenster, sammelt Verschwörungstheorien und ist schon einmal verschwunden, allerdings nur kurz. Der Mann hat also ein gut gehütetes Geheimnis, das der Sohn Adam lüften muss. Achtzehn Jahre später ist seine Mutter Oda mit diesem Verlust noch immer nicht fertig. Seit Huberts Verschwinden spricht sie nicht mehr.

Anja Baumheier taucht in ihrem schwelgerischen, fast fünfhundert Seiten langen Roman in zwei parallel erzählten Handlungen tief ein in eine komplizierte Familiengeschichte, die in den fünfziger Jahren im tschechischen Altvatergebirge beginnt. Dort nämlich verliebt sich der Platteooger Ubbo in die Konditorentochter Leska und nimmt sie mit nach Ostfriesland.

Suche nach dem verschwundenen Vater

Der Enkel, Adam, wird Sprachwissenschaftler an einer Berliner Universität, trägt autistische Züge, liebt Listen mit sieben Punkten und leidet unter Angststörungen. Er lernt die Göttinger Logopädin Zola kennen. Auch aus ihrem Leben, vor allem dem ihrer Mutter ist Hubert Riese spurlos verschwunden und hat zwei ratlose, unglückliche Menschen zurückgelassen.

Mit Adams Entschluss, zusammen mit Zola in einem schrottreifen Bully durch Europa zu reisen, um seinen Vater zu suchen, wird das Buch zum Road-Movie: Deutschland - Tschechien - Frankreich. Adam muss seine Ängste über Bord werfen und sich quasi neu erfinden. Die leicht punkige Zola ist im Nebenberuf "Tierkommunikatorin mit dem Schwerpunkt Katze" und hat ein Buch mit dem Titel "Die Erfindung der Sprache" geschrieben. Die Suche nach Hubert gleicht einer Schnitzeljagd, bei der auch die Literatur eine große Rolle spielt, denn Huberts Lebensdichter ist Rainer Maria Rilke.

Die Sprache spielt in diesem Roman eine große Rolle

Weitere Informationen

Lesung: "Die Erfindung der Sprache" von Anja Baumheier

In Anja Baumheiers Roman finden neugierig stimmende Motive und Personen zusammen. Wolfgang Berger liest daraus vor. mehr

Literatur und Sprache bilden die Grundmelodie dieses Buches: Die Sprache der Menschen, die versiegt, die Sprache der Tiere, fremde Sprachen, geschriebene und gedichtete Sprache, taube und stumme Menschen und jene, die die Sprache wiederfinden. Eine rätselhafte Inschrift auf einem Grabstein in Prag enthält nach ihrer Entschlüsselung einen Hinweis auf die Bretagne. Nach Brest fährt Adam allein und schreibt an Zola aus dem Zug:

Was genau ich in Brest tun, an wen ich mich wenden, wo ich suchen soll, entzieht sich meiner Kenntnis. Was, wenn Brest die falsche Stadt ist? Aus dem Leid meiner Mutter versuche ich meinen Antrieb zu schleusen, ihre Sprache neu zu beleben. Leseprobe

Im "Finisterre", am Ende der Welt, wird schließlich alles gut. In einem opulenten Showdown führt Anja Baumheier alles und alle zusammen und zeigt, wozu ein Mensch fähig ist, wenn er nur über sich hinauswächst.

"Die Erfindung der Sprache" ist ein Buch über liebenswert kuriose Menschen, über Katastrophen aus heiterem Himmel und über Familienbande, die - im Guten wie im Schlechten - das Leben lebenswert machen.

Die Erfindung der Sprache

von Anja Baumheier
Seitenzahl:
496 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Kindler
Bestellnummer:
978-3-463-00023-7
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 26.02.2021 | 12:40 Uhr

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