Stand: 27.11.2018 10:00 Uhr

Die verleugnete Identität

Was aus uns geworden ist
von André Herzberg
Vorgestellt von Katja Weise
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In Herzbergs Roman geht es um die Auseinandersetzung mit einer jüdischen Herkunft.

Als Frontmann der Gruppe Pankow ist André Herzberg vor der Wende bekannt geworden, noch immer lebt der 1955 in Ostberlin geborene Musiker in diesem Viertel. Seit einigen Jahren schreibt er auch Bücher, in denen er sich intensiv mit seiner Familiengeschichte auseinandersetzt. So auch in dem neuen Roman "Was aus uns geworden ist". Darin erzählt Herzberg von Holocaust-Überlebenden und deren Kindern in der DDR.

Die jüdische Herkunft wird verschwiegen

"Sprich das Wort nicht aus. Vor allen Dingen sage niemals, du wärest so einer. (..) Du hast durch deine Eltern von ihnen gehört, als du jünger warst. Es muss so gewesen sein, du weißt nur nicht mehr genau, wann es passiert ist. Aber seitdem verfolgt es dich." Leseprobe

Erst nach der Wende hat André Herzberg begonnen, sich mit seiner jüdischen Herkunft auseinanderzusetzen. In dem sehr persönlichen Prolog schreibt er außerdem: "Es gibt nur einen Weg, er aber ist der gefährlichste, ich muss mich verändern, ich muss mitten hindurch, muss annehmen, was ich bin."

Sein Mittel auf der Suche nach dieser Identität: das Geschichtenerzählen. So erzählt Herzberg von Richard, Eike, Anton, Michaela, Peter und Jakob. Alle sind Nachfahren von Holocaust-Überlebenden, wie er.

Kinder von Holocaust-Überlebenden in der DDR

"Ich glaube, mein ganzes Leben ist schwer geprägt von meinen Eltern und eben auch von meiner Mutter. Die spielt in dem Roman von mir jetzt auch eine zentrale Rolle, die Frau, die auf der einen Seite eigentlich jüdisch ist, aber auf der anderen Seite immer damit gehadert hat. Und darum geht es in dem Roman, um Juden, die ihre eigene Identität unterdrücken", erklärt der Autor.

"Lea erzählt von der ersten Zeit in Israel, der schrecklichen Zerstreuung über alle Länder der Erde, bis die Geschichte von 'uns' schließlich bei der Ausrottung durch die Nazis endet, und damit bei Jakobs Großmutter. Lea bekommt dieses Funkeln in den Augen, wenn sie von sich als Mädchen erzählt. Ich habe auf dem Schulhof gestanden, wie der Junge zu mir Judensau gesagt hat, da habe ich ihm meine Schlittschuhe übergezogen." Leseprobe

Doch darüber durfte ihr Sohn, durfte Jakob nicht sprechen. Lea hat in der DDR Karriere gemacht, genauso wie der Vater von Richard, Horst, der zu einem der mächtigsten Männer im Land wird. Doch auch er will später von seiner Herkunft nichts mehr wissen.

"Mein Jüdlein, sagt Magda und verzieht dabei ihre weichen Lippen, so dass Horst, der neben ihr liegt, sofort seine Hand wütend von ihrem Badeanzug nimmt." Leseprobe

Die Leerstelle im Leben bleibt

Ohne Wenn und Aber stellt sich Horst in den Dienst der Partei, auch Richard macht Karriere. Und doch, so beschreibt es Herzberg, bleibt eine Leerstelle im Leben, eine Wunde, die sich nicht schließt, unter der die Kinder beinahe noch mehr als die Eltern leiden, weil ihnen ein Stück Identität verwehrt bleibt.

Jakob, Leas Sohn und Alter Ego des Autors, sucht in der Musik nach Erfüllung, später dann in der jüdischen Gemeinde. André Herzberg erzählt vor allem von Verletzungen, von daraus entstehenden Verhärtungen und einer Kälte, die sich auch im Umgang mit den Kindern zeigt.

Sein Buch ist eine betroffen machende Auseinandersetzung, fast Abrechnung mit einer jüdischen Eltern-Generation, die schwer an der eigenen Geschichte trägt und dadurch die eigenen Nachfahren aus den Augen verliert. Der Ton ist melancholisch; man spürt, dass Herzberg Musiker ist. Müsste man ein Bild finden für dieses Buch, so wäre es das eines grauen Novembertages, sanft-neblig, dunkel, doch irgendwo hinter der Nebelwand versteckt sich ein Sonnenstern.

Was aus uns geworden ist

von
Seitenzahl:
240 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Ullstein
Bestellnummer:
978-3-550-08164-4
Preis:
22,00 €

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