Der Verleger Thedel von Wallmoden mit einem Buch in der Hand vor einem Bücherregal © picture alliance / dpa Foto: Sebastian Kahnert

Ambitioniert durch die Krise mit Thedel von Wallmoden

Stand: 04.01.2021 09:36 Uhr

2020 kürte das Branchenmagazin "BuchMarkt" Thedel von Wallmoden vom Göttinger Wallstein Verlag zum Verleger des Jahres. Wie bewahrt er auch in schwierigen Zeiten die Tradition des Verlages?

von Irene zu Dohna

In einer ruhigen Seitenstraße der Göttinger Innenstadt, nicht unweit des Bahnhofs, ist seit ein paar Jahren der Wallstein Verlag beheimatet. Verleger Thedel von Wallmoden sitzt am großen Konferenztisch in der Bibliothek. Coronakonform - mit weitem Abstand - berichtet er vom vergangenen Jahr. Ein kompliziertes Jahr für die Buchbranche. Zunächst brachen die Verkaufszahlen ein, die Leipziger Buchmesse musste abgesagt werden, die Frankfurter fand online statt.

Zum Verleger des Jahres 2020 gekürt

Ein Lichtblick für Thedel von Wallmoden war die Wahl zum Verleger des Jahres im Dezember. Sie kam wider Erwarten für den 62-Jährigen. Er habe sich ganz naiv über diese Ehrung gefreut, sagt er bescheiden lächelnd: "Ich habe das in der Branchenpresse früher immer wahrgenommen und gedacht: Naja, das sind auch diejenigen, die durch ihre Verlagswerke dem Buchhandel riesige Umsätze beschert haben. Und nicht unbedingt solche, die sehr spezielle Dinge in der Wissenschaft tun oder Klassiker-Ausgaben verlegen. Und insofern hat mich das gefreut, dass so eine über dreißigjährige Programmarbeit in ihrer Kontinuität gewürdigt worden ist."

Bücher verlegen, die die Leser "lesen sollen"

1986 gründet Thedel von Wallmoden gemeinsam mit den Brüdern Dirk und Frank Steinhoff den Wallstein Verlag. Ein Verlagsname ist schnell gefunden. Aus den Nachnamen Wallmoden und Steinhoff wird Wallstein. Sechs Jahre später, 1992, stellt sich der erste große Bucherfolg ein. Ruth Klüger veröffentlicht die Autobiografie "weiter leben. Eine Jugend". Damals vom Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki hoch gelobt, zählen ihre Erinnerungen zu den bedeutendsten Werken deutscher Holocaustliteratur.

Als Verleger fühlt sich Thedel von Wallmoden einer gewissen Maxime verpflichtet, wie er sagt. Eine Maxime, die er von seinem Vorbild, dem Verleger Samuel Fischer, übernommen hat: "Der hat gesagt: Die vornehmste Aufgabe des Verlegers ist, nicht solche Bücher zu verlegen, die die Leser lesen wollen. Sondern solche, die sie lesen sollen. Also eine Art kulturelle Aufgabe oder eine künstlerische und wissenschaftliche Aussage-Absicht offensiv in ein Publikum hineinzutragen."

Der Verleger Thedel von Wallmoden im Porträt. © dpa Foto: Sebastian Kahnert

AUDIO: Thedel von Wallmoden über Verlage in Zeiten digitaler Buchmessen (55 Min)

Gegenwartsliteratur und geisteswissenschaftliche Bücher

Das Buchprogramm des Wallstein Verlags ist ambitioniert. Hier werden mit verlegerischem Instinkt und großem literarischen Gespür vorwiegend geisteswissenschaftliche Bücher, Klassiker-Ausgaben und zunehmend auch deutschsprachige Autoren der Gegenwartsliteratur wie Büchner-Preisträger Lukas Bärfuss oder Daniela Danz veröffentlicht. Heute beschäftigt der Verlag 28 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die jährlich rund 180 Neuerscheinungen begleiten.

Weiter planmäßig publizieren

Doch die Corona-Krise versetzt den Verlag zunächst in einen Schock. Zu Beginn verschlechtern sich die Buchverkaufszahlen dramatisch. "Mitte März mit dem ersten Lockdown glaubten wir wie alle, dass wir am Abgrund stehen", berichet er. "Dieses Bild hat sich schon im April korrigiert, wir hatten einen normalen April, konnten die Umsatzrückgänge des März schon im Mai einholen und überholen. Und ab dann ging es mit den Zahlen nur noch in eine Richtung, so dass wir mit einem deutlichen Plus gegenüber dem schon sehr guten Jahr 2019 abschließen."

Die Corona-Krise ist aber auch eine Zeit der Unplanbarkeit. Trotz allem will Thedel von Wallmoden 2021 planmäßig publizieren. Vor allem um die inhabergeführten Buchläden zu unterstützen, wie er sagt. Denn deren Zukunft betrachtet er mit Sorge, sollte der Lockdown noch längere Zeit andauern.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 04.01.2021 | 18:00 Uhr

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