Stand: 05.09.2017 09:47 Uhr

Alte Bücher - neu gelesen: "Ein Zimmer für sich allein"

von Dagmar Penzlin

Bücher, die einen die Welt neu und anders betrachten lassen - zu diesen Büchern gehört für Dagmar Penzlin schon lange der Essay-Band "Ein Zimmer für sich allein" von Virginia Woolf. Für unsere Serie "Alte Bücher - neu gelesen" hat sie sich wieder in die Gedankengänge der englischen Schriftstellerin vertieft.

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In ihrer Jugend erlebte Virginia Woolf selbst die viktorianischen Beschränkungen für Mädchen und Frauen. Ende der 20er-Jahre war sie eine international bekannte Schriftstellerin.

Lesen und plötzlich verstehen, was einen schon lange nervt - diese Erfahrung hat mir Virginia Woolf beschert. In den 90er-Jahren habe ich in Hamburg Historische Musikwissenschaft studiert. Gerade im Aufwind war zu dieser Zeit in der Hansestadt die musikwissenschaftliche Forschung zu Komponistinnen, zu den Frauen in der Musikgeschichte. Wer diese Seminare besuchen wollte - mit geschultem Blick, der oder die sollte zwei Bücher gelesen haben: Simone de Beauvoirs Wälzer "Das andere Geschlecht" und eben Virginia Woolfs Essay "Ein Zimmer für sich allein". Woolf erkundet hier 1928 auf ihre unnachahmlich sprachmächtige Weise die Frage, warum bisher so wenige Frauen Schriftstellerinnen geworden sind.

"Lassen Sie mich versuchen, mir vorzustellen, was geschehen wäre, wenn Shakespeare eine wunderbar begabte Schwester gehabt hätte, sagen wir, mit Namen Judith. Sie war ebenso abenteuerlustig, ebenso phantasievoll, ebenso begierig die Welt zu sehen wie er. Aber sie wurde nicht in die Schule geschickt. Sie hatte keine Gelegenheit, Grammatik und Logik zu lernen, von Horaz und Virgil ganz zu schweigen. Sie nahm hin und wieder ein Buch zur Hand und las ein paar Seiten. Aber dann kamen die Eltern herein und hießen sie die Strümpfe stopfen oder sich um den Hammelbraten kümmern."

Virginia Woolf spinnt diese Gedanken fort, reist durch die Jahrhunderte auf der Suche nach schreibenden Frauen und sie listet Fragen auf zum Leben der - wie sie es nennt - "elisabethanischen Durchschnittsfrau" in der Shakespeare-Zeit.

"In welchem Alter heiratete sie; wie viele Kinder hatte sie in der Regel; wie sah ihr Haus aus; hatte sie ein Zimmer für sich allein?"

Ein Hohelied auf die Unabhängigkeit der Frau

Ich erinnere mich noch an diesen Gefühlsmix, den Woolfs Essay bei mir erzeugte: Zum einen Entsetzen, wie sehr Frauen durch die Jahrhunderte unterdrückt worden sind - Virginia Woolf thematisiert etwa auch das gesellschaftlich akzeptierte Prügeln von Ehefrauen.

Zum anderen spürte ich eine neue Entschlossenheit, den heute möglichen Zugang zu Bildung intensiv zu nutzen, mich meines eigenen Verstandes zu bedienen und finanziell unabhängig zu sein. Da konnte meine Oma mich gern fragen, warum ich so viel lernte, wenn ich doch irgendwann heiraten würde. Virginia Woolfs Buch ist ein Hohelied auf Unabhängigkeit, auf ein eigenes Einkommen.

"Tatsächlich, dachte ich, welchen Wandel im Gemüt ein eigenes Einkommen mit sich bringt. Ich brauche keinen Mann zu hassen; er kann mir nicht weh tun. Ich brauche keinem Mann zu schmeicheln; er kann mir nichts bieten."

Festes Einkommen und ein eigenes Zimmer als Rückzugsort sind für Woolf die Voraussetzungen, um als Frau mit "androgynem Geist" künstlerisch-kreativ tätig zu sein und zum Beispiel Literatur zu schreiben.

"Intellektuelle Freiheit hängt von materiellen Dingen ab. Dichtung hängt von intellektueller Freiheit ab. Und Frauen sind immer arm gewesen, seit aller Zeiten Anfang. Deshalb habe ich so viel Nachdruck auf Geld und ein Zimmer für sich allein gelegt."

Natürlich wünsche ich allen Menschen geistige Freiheit und alles Nötige zum Leben. Jedoch schärft Woolfs Essay "Ein Zimmer für sich allein" auch heute wieder meinen Sinn dafür, wie wichtig es ist, dass Frauen die historisch gewachsenen Rollen-Fallen kennen. Mit meinen Töchtern und meinem Sohn im Grundschulalter habe ich noch nicht ausführlich über die Geschichte der Frauen gesprochen – das werde ich nachholen. Bald. Und Woolfs Buch gibt’s spätestens zum 18. Geburtstag.

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