Olga Grjasnowa © Dave Johnston/EdinburghEliteme Foto: Dave Johnston

Grjasnowa: "Deutsch ist für mich immer ein Mittel zum Zweck"

Stand: 19.03.2021 08:43 Uhr

In Olga Grjasnowas Romanen geht es immer wieder auch um das Zusammenleben verschiedener Kulturen. In ihrem neuen Buch "Die Macht der Mehrsprachigkeit" schreibt sie über "Herkunft und Vielfalt".

Frau Grjasnowa, wie viele Sprachen sprechen Sie eigentlich?

Olga Grjasnowa: Das ist eine sehr schwierige Frage. Ich glaube drei - von denen eine deutlich besser ist als die beiden anderen.

Sie sind in Aserbaidschan geboren und 1996 mit elf Jahren nach Deutschland gekommen. Dort sind Sie - das schreiben Sie in Ihrem aktuellen Buch - "deutsch sozialisiert". Was meinen Sie damit?

Buchcover: Olga Grjasnowa - Die Macht der Mehrsprachigkeit © Dudenverlag
"Die Macht der Mehrsprachigkeit - Über Herkunft und Vielfalt" ist im Dudenverlag erschienen und kostet 12,00 Euro.

Grjasnowa: Ich hatte keinen Begriff, um das besser auszudrücken, aber bis zu meinem elften Lebensjahr habe ich fast ausschließlich Russisch gesprochen. 1996 kam dann der Bruch: Ich wurde in eine monolinguale deutsche Klasse eingeschult und habe fortan Deutsch gelernt und überwiegend Deutsch gesprochen. Mit meinen Eltern habe ich natürlich weiterhin auch Russisch gesprochen, aber mein ganzes Umfeld war monolingual Deutsch, fast alle Bücher, die ich gelesen habe, waren auf Deutsch, sodass sich meine Sprache auf Deutsch verlagert hat, immer weiter weg vom Russischen.

Vermissen Sie das Multilinguale? Wenn ich Ihr Buch lese, kommt es mir vor, als sei die Fixierung auf das Deutsche für Sie einigermaßen öde.

Grjasnowa: Ehrlich gesagt, schon. Ich habe es damals vermisst, aber es ist immer mehr in meinen Alltag zurückgekommen. Als ich noch zur Schule ging und vor allem, als ich studiert habe, wurde mein Russisch immer schlechter. Ich habe gemerkt, dass ich die Sprachentwicklung verpasst habe, dass ich der neuen Literatur auf Russisch nicht mehr folgen und nur noch auf ein paar Klassiker zurückgreifen konnte. Das war sehr schade und ich hatte irgendwann Angst, diese Sprache zu verlieren.

Mit ihren Kindern sprechen Sie gerne auch mal Russisch, mit ihrem Mann, der 2013 aus Syrien nach Deutschland gekommen ist, sprechen sie Englisch. Ist das Deutsch für Sie so eine Art Mittel zum Zweck?

Grjasnowa: Wahrscheinlich beschreiben Sie gerade die Geschichte meines Lebens. Deutsch ist für mich immer ein Mittel zum Zweck. Das ist keine Sprache, die ich mir jemals freiwillig ausgesucht hätte. Das ist paradox: Ich musste Deutsch lernen, es gab keinen anderen Ausweg. Ich habe Deutsch als meine literarische Sprache gewählt, weil das immer die Sprache war, in der ich mich am besten ausdrücken konnte.

In Ihrem Buch beschreiben Sie, dass eigentlich die Mehrsprachigkeit der Normalzustand ist, wenn man sieht, wie die Menschen in Völkerwanderungen durch die Welt gezogen sind. Jetzt sei die Monolingualität der Normalzustand - aber auch ein "Konstrukt". Inwiefern?

Grjasnowa: Es ist ein Konstrukt, zumindest wenn man sich Deutschland anschaut: Die Verwaltung ist einsprachig, alles wird auf Deutsch erledigt und man soll sich der Norm fügen. Auch die Schulen sind vor allem auf diese Einsprachigkeit ausgelegt. Das war geschichtlich gesehen Mittel zum Zweck, um das Land zu einen und es besser regierbar zu machen. Und heute ist es natürlich auch ein Ausdruck. Unter Deutsch verstehen wir eine bestimmte bildungsbürgerliche Standardsprache. Damit sind selten deutsche Dialekte gemeint, sondern das ist alles sehr standardisiert.

Aber die Einsprachigkeit hat den Vorteil, dass sich bestimmte Gesellschaften auf einen Konsens einigen können. Gerade wenn es darum geht, sich Gesetze oder Grenzen zu geben, kann man sich dann sehr viel besser verständigen. Ist da nicht Monolingualität, die in Ihrem Buch immer ein bisschen schlechter wegkommt, doch von Vorteil?

Grjasnowa: Auf der einen Seite ist das von Vorteil, auf der anderen Seite stellt sich die Frage, wie hoch die Kosten dieser Einsprachigkeit sind. Müssen die anderen Sprachen aufgegeben werden, damit dieser Zustand erreicht wird, oder sind sie gleichberechtigt? Und wer ist derjenige, der bestimmt, welche Sprache gesprochen wird, und in welchen Bereichen überhaupt? Sprechen wir ausschließlich von der Verwaltung, vom Schulsystem, oder sind wir schon so weit, dass sich der Staat in die privaten Fragen einmischt und darüber entscheidet, welche Sprachen zuhause gesprochen werden sollen, wie es die CDU immer mal wieder versucht hat?

Es gibt die eine Mehrsprachigkeit, die in unserer Gesellschaft sehr wohlgelitten ist: wenn man etwa fähig ist, Fremdsprachen wie Englisch oder Französisch zu sprechen. Die weniger wohlgelittene Mehrsprachigkeit ist, wenn Menschen etwa Türkisch oder Arabisch sprechen. Was macht da den graduellen Unterschied aus?

Grjasnowa: Das ist eine soziale Frage: Mit wie viel Prestige wird eine einzelne Sprache verbunden? Zum Beispiel hat Englisch deutlich mehr Prestige als Türkisch oder Arabisch. Viele Sprachen werden als nicht erstrebenswert dargestellt. Das Paradoxe daran ist, dass es darauf ankommt, wer diese Sprache spricht. Jemand, dessen Muttersprache Arabisch ist, hat bei weitem nicht so große Chancen, einen Job zu bekommen wie jemand, der Arabisch nur erlernt hat. Das hängt auch sehr viel mit rassistischen Vorstellungen von Sprache und Herkunft zusammen, als auch mit der politischen Praxis der Förderung der Mehrsprachigkeit.

Ihr Buch heißt "Macht der Mehrsprachigkeit" - worin besteht diese Macht?

Grjasnowa: Es ist die Möglichkeit, sich in unterschiedlichen Systemen, Ländern, Kulturen, Geschichten, Literaturen oder Narrativen zurechtzufinden und nicht unbedingt die eine gegen die andere Sprache ausspielen zu müssen, sondern die Sprachen gleichwertig aufnehmen zu können und zu beurteilen.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

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Cover des Buchs "Der verlorene Sohn" von Olga Grjasnowa © Aufbau

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 19.03.2021 | 18:00 Uhr