Bild des Doms von Güstrow © IMAGO / Volker Preußer
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AUDIO: Wie steht es um die Evangelische Kirche auf dem Lande? (36 Min)

Neue Wege in der Kirche: "Wir müssen Trüffelschweine werden"

Stand: 26.06.2023 15:17 Uhr

In Mecklenburg-Vorpommern gibt es nur noch rund 220.000 Christen. Von den traditionellen Formaten der Gemeindearbeit fühlen sich immer weniger Menschen angesprochen. Ein junges Landpastorenpaar erprobt neue Wege.

von Karin Erichsen

Die Glocken rufen zum Gottesdienst, aber die Kirchenbänke bleiben leer. In Mecklenburg-Vorpommern gibt es immer weniger Christen. Seit Gründung der Nordkirche 2012 haben die evangelischen Kirchengemeinden im Nordosten etwa jedes fünfte Mitglied verloren. Rund 220.000 Gläubige fühlen sich der Kirche noch so verbunden, dass sie auch Kirchensteuer bezahlen.

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Ein Pastor für ein Dutzend Gotteshäuser

Unverändert hoch jedoch ist der Bestand an historischen Gebäuden. Im mecklenburgischen und pommerschen Kirchenkreis gibt es zusammen mehr als tausend alte Kirchen und Kapellen, die nach der Wiedervereinigung in ihrer baulichen Substanz gesichert oder sogar aufwendig saniert worden sind. In den ländlichen Gemeinden ist nach mehreren Fusionsrunden heute oftmals ein Pastor oder eine Pastorin für ein Dutzend Gotteshäuser zuständig. Dabei stehen viele Kirchen in Dörfern in denen weniger als eine Hand voll Gläubige leben. Die kirchlichen Mitarbeiter stellt diese Situation vor große Herausforderungen.

Spirituelles Bedürfnis ist weiterhin da

Jonas Görlich ist seit 2016 Pastor in der Gemeinde Lohmen bei Güstrow. Seit seinem Amtsantritt hat der charismatische, junge Geistliche rund die Hälfte seiner Gottesdienstgemeinde verloren, vorrangig ältere Menschen, für die der Sonntagsgottesdienst in der Kirche noch zur gelebten Glaubenspraxis gehörte. Der Pastor spürt, dass das "klassische Programm" heute immer weniger Menschen anspricht: "Wenn wir so weitermachen wie bisher, kann ich in fünf bis sechs Jahren die Stromzähler der Kirchen abmelden", sagt Jonas Görlich und sucht nach neuen Formaten, mit denen er die Leute auf den Dörfern seiner Gemeinde erreicht. Denn ein spirituelles Bedürfnis verspürt er unverändert, nur müsse heute eine neue Sprache, eine andere Ästhetik, ein dialogisches Miteinander auf Augenhöhe gefunden werden.

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"Moderne Gemeindearbeit darf nicht zum Sklaven der Gebäude werden"

Die historischen Kirchengebäude seien dafür nicht unbedingt erforderlich. Der Pastor möchte seine "moderne Gemeindearbeit nicht zum Sklaven der Gebäude" machen. Vielmehr sucht er nach neuen Formaten auch außerhalb seiner acht Kirchen. Zum Beispiel lädt er seit der Corona-Pandemie regelmäßig zu Gartengottesdiensten ein - auch in die Gärten von Menschen, die keine Kirchenmitglieder sind. Die Gartengottesdienste sind beliebt in seiner Gemeinde, die Gründe einen Gartengottesdienst zu besuchen, seien vielfältig. Die Leute fühlten sich dort freier für Gespräche und Begegnung und einen Garten zu zeigen oder zu bestaunen, sei häufig allein schon gute Motivation.

Kirche abseits der Kanzel

In der Beziehungsarbeit sieht Jonas Görlich ohnehin den Schlüssel für lebendiges Gemeindeleben. Es ginge heute nicht mehr darum, die Menschen von der Kanzel herab "frontal vollzuquatschen", ihnen Fragen zu beantworten, die sie gar nicht gestellt hätten, sondern Gott in der Gemeinschaft spürbar und erfahrbar zu machen. Das ginge auch außerhalb der Kirche an der Feuerschale oder beim Kaffeetrinken. "Wir müssen Trüffelscheine werden und die Chancen erkennen, die in Begegnungen liegen", sagt der gebürtige Braunschweiger. Dafür sei ein offenes Ohr für die Bedürfnisse der Menschen eine Voraussetzung. Auf die Kanzel steigt der Pastor nur noch in Ausnahmefällen.

"Die Zeit des Belehrens ist vorbei"

Auch seine Freundin, Pastorin Johanna Levetzow aus Bützow, hält die großen Worte und Formeln, derer sich die Kirche über Jahrhunderte hinweg bedient hat, für überholt. "Die Zeit des Belehrens, der großen Vorbilder ist vorbei. Nicht nur in der Kirche, sondern allgemein in der Gesellschaft", ist sich die junge Pastorin sicher. Heute sei das Zuhören wichtiger, die gemeinsame Beziehungs- und Sinnsuche. Die kirchlichen Mitarbeiter müssten aus der Kirche heraus auf die Menschen zugehen und sich an den Wünschen der Leute orientieren. Eine Hürde dafür sei die Größe der Gemeinden.

Zur Gemeinde von Johanna Levetzow gehören dreizehn Kirchen in und um Bützow sowie die Betreuung der Jugendvollzugsanstalt. Zum Team der hauptamtlichen Mitarbeiter zählen noch ein weiterer Pastor, eine Kantorin, ein Gemeindepädagoge und eine Sekretärin. Nicht jede Gemeindegruppe könne da regelmäßig begleitet, nicht jede Kirche gleichmäßig mit Veranstaltungen belebt werden. Johanna Levetow setzt Schwerpunkte, "es geht nicht mehr überall alles". Und gerade das Immobilienmanagement würden sie und ihr Partner Jonas Görlich in der Nachbargemeinde gern an eine übergeordnete Stelle etwa in der Kirchenkreisverwaltung abgeben.

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"Auch Protokolle schreiben ist Kirche"

Andererseits liegen auch Chancen in den historischen Gebäuden, die oft von mehr als 800 Jahren Glaubensgeschichte zeugen, das erkennen die beiden jungen Geistlichen auch. So haben sich seit der Wiedervereinigung in Mecklenburg-Vorpommern rund zweihundert Kirchenbau-Fördervereine gegründet, deren Mitglieder häufig gar nicht der Kirche angehören. Trotzdem setzen sie sich für den Erhalt und die Belebung ihrer Dorf- oder Stadtkirche ein.

Der Kirchenbau-Förderverein in Bützow beispielsweise feiert in diesem Jahr 30-jähriges Bestehen und hat mehr als 150 Mitglieder, die sich aktiv für die Gebäude und die Gemeinde engagieren, häufig ohne den Gottesdienst zu besuchen. "Das macht nichts", sagt Johanna Levetow, Kirche sei auch, sich für die Gebäude einzusetzen, bei der Stiftungsarbeit mitzuwirken, Krabbelgruppen, Jugendtreffen oder Seniorennachmittage zu organisieren oder in den Gremien Protokolle zu schreiben.

Der Reiz am unkonventionellen Miteinander

Gerade das unkonventionelle Miteinander, das kirchliche Leben fernab fester, traditioneller Strukturen, reizt Johanna Levetzow und Jonas Görlich. Es hat sie vor acht Jahren dazu bewogen, sich nach dem Studium auf benachbarte Landpfarrstellen in Mecklenburg zu bewerben. Und noch immer schätzen sie ihre Arbeit dort vor allem auch wegen der großen Freiheit und der Möglichkeit, neue Wege zu erproben. Sie fühlen sich damit auch für die Zukunft auf dem richtigen Kurs.

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