NDR Kultur Literaturredakteur Alexander Solloch vor einer Backsteinwand. © NDR Foto: Manuel Gehrke
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AUDIO: Glosse: Zum Ausscheiden der DFB-Elf (3 Min)

DFB-Aus bei der Fußball-WM: "Ich hab‘ nichts gemacht!"

Stand: 02.12.2022 14:56 Uhr

In seiner Glosse vergleicht Alexander Solloch das Verhalten der deutschen Nationalspieler und DFB-Funktionäre mit dem von Bart Simpson. Über fehlendes Schuldbewusstsein und verpasste Gelegenheiten.

Der DFB in seiner Not geht jetzt nach dem Bart-Simpson-Prinzip vor. Aber was einem zehnjährigen Bengel noch gestattet sein mag, sollte man einem Verband im 123. Jahr seines Bestehens nicht ohne weiteres durchgehen lassen.

Das Bart Simpson-Prinzip besteht ja darin, dass der Rotzlöffel aus der US-amerikanischen Kult-Zeichentrickserie immer schon in dem Moment, in dem sich ein von ihm ausgelöstes Unheil zu entfalten beginnt, mit Unschuldsmiene beteuert: "Ich hab' nichts gemacht!" Manchmal kommt man damit ja durch.

"Ich hab' nichts gemacht", sagte auch das Gesicht von Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff gestern Abend unmittelbar nach dem Ausscheiden in der WM-Vorrunde, das man nur deshalb nicht historisch nennen kann, weil dieses Kunststück in seiner Verantwortung schon vor vier Jahren uraufgeführt worden war. "Deutschland kann nicht in der Vorrunde ausscheiden" - dieses eherne Prinzip hat der Bierhoff-DFB im Namen von Innovation und Modernisierung wegreformiert.

Bierhoff steht für Stillstand

Er hoffe, dass die Öffentlichkeit erkenne, wie viel er und sein Team in 18 Jahren beim DFB geleistet hätten, sagte Bierhoff. Erkennbar ist für die Öffentlichkeit vor allem der völlige Stillstand, der in nunmehr acht dieser 18 Jahre herrschte. Eine lange Zeit, in der das Team Bierhoff fußballerische Ideenlosigkeit mit Marketingquatsch zu übermalen versuchte. Bierhoff hat zugelassen - vielleicht sogar gewollt-, dass ein Großteil der Vorbereitung aufs Turnier mit halbgarem Gerede über eine Kapitänsbinde vergeudet wurde. Die Welt, sofern sie sich überhaupt für diesen Unsinn interessierte, konnte sehen: Deutschland wäre zwar gern Moralweltmeister, will aber andererseits auch wiederum kein Risiko dafür eingehen. "Ich hab' nichts gemacht!"

Als Joachim Löw nach einer quälend langen Zeit der Eitelkeitspflege im vergangenen Jahr endlich den Platz räumte, beschäftigte Bierhoff sich keine Sekunde lang mit der Frage, welcher Trainer neuen Elan in die Mannschaft bringen, wer radikal Neues wagen könnte, so wie Klinsmann es 2004 und in den folgenden Jahren getan hatte. Bierhoff wählte stattdessen die vor allem für ihn bequemste Lösung: Löws langjährigen Assistenten Hansi Flick. Ein fabelhafter Fußballfachmann und liebenswürdiger Mensch zweifellos - aber keiner, der es je schaffte, sich aus dicken Loyalitätsverstrickungen zu lösen. Mit Müller und Neuer und Taktikkniffen von einst versuchte er, die WM 2014 ein weiteres Mal zu gewinnen, aber die stand nun eben nicht mehr auf dem Programm.

Keine Einsicht auch bei Torhüter Manuel Neuer

Wie Flick betonte hinterher auch Kapitän Neuer, er wolle gern weitermachen. Niemand wird ihn hindern. Er kann darauf zählen, dass die Reporter selbst dann, wenn er sich die Bälle ins eigene Tor werfen sollte, ausrufen werden: "Was macht denn der Schlotterbeck?!? Ja, da hat Neuer natürlich keine Chance!" Wenn man aber in einem Turnier drei von fünf Gegentoren durch eigene Tapsigkeit mitverschuldet, darf man gern auch mal sagen: "Ich hab' nichts gemacht. Ich gehe." Darin besteht eben die narzisstische Kränkung im Leben eines Leistungssportlers: erkennen zu müssen, dass man schlechter wird. Dies zu akzeptieren hieße: Größe zu zeigen.

Nun aber genug der pathetischen Worte. Schlimm ist ja, dass der Fußball immer so unlustig ist. Hätten die deutschen Nationalspieler wenigstens ein bisschen Humor, so hätten sie den Kollegen aus Costa Rica in den letzten Minuten noch drei Tore geschenkt, die Spanier auf diese Weise mit nach Hause geschickt und arglos behauptet: "Wir haben nichts gemacht!" Eine weitere verpasste Gelegenheit...

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 02.12.2022 | 17:30 Uhr

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