Kommentar zum WM-Aus: Der DFB muss runter vom hohen Ross

Stand: 02.12.2022 12:20 Uhr

Zum zweiten Mal in Folge ist die deutsche Fußball-Nationalmannschaft in einer WM-Vorrunde ausgeschieden. In 18 Monaten startet die EM im eigenen Land. Der DFB muss dringend sein Mindset ändern, damit nicht auch sie zum Debakel wird, meint NDR Sportchef und ARD-Kommentator Gerd Gottlob in seinem Kommentar.

Der Sportchef des Norddeutschen Rundfunks, Gerd Gottlob © NDR / Christian Wyrwa Foto: NDR / Christian Wyrwa
Gerd Gottlob kommentiert das frühe WM-Aus des DFB-Teams in Katar.

Die deutsche Nationalmannschaft hat einen neuen Tiefpunkt erreicht und bringt sich und vermutlich den gesamten deutschen Fußball in die schwerste Krise der vergangenen Jahrzehnte. Ausgelöst durch sportliches Versagen, aber auch begünstigt durch eine kaum zu ertragende Herablassung des Verbandes und seiner Protagonisten.

Im letzten Gruppenspiel hat die Mannschaft von Hansi Flick sogar in einem wirren Spiel ihre Aufgabe gelöst, um dann grimmig auf die Spanier zu schauen, weil die gegen Japan verloren haben. Warum sollte Japan nicht Spanien schlagen können? Deutschland hätte - so wie Spanien - problemlos Costa Rica bis zur 30. Minute abservieren und Spanien unter Druck setzen können.

Eine Frage der Haltung

Aber die deutsche Elf konnte es nicht. Sie wollte es jedenfalls nicht so sehr wie die Japaner Spanien schlagen wollten. Und das ist eine Frage der Haltung, der Herangehensweise, auch der Teamführung - von draußen und auf dem Feld. In dieser Disziplin ist die deutsche Mannschaft nicht einmal internationale Klasse.

Schaut euch Marokko, schaut euch Australien, schaut euch die USA an und noch einige andere Teams, die um ihr Leben rannten, um das Unmögliche zu schaffen. Die DFB-Elf spielt larmoyant, behäbig, selbstgefällig, sobald es so aussieht, als wäre man auf dem richtigen Weg. Aber genau an diesem Punkt muss mehr kommen. Das geht nur mit Spielern, die das merken und entsprechend handeln.

Abwehr das größte Manko

Besonders bitter ist das Ausscheiden, weil es sehr viele sehr gute Fußballer im aktuellen Kader gibt. Jamal Musiala, der einem fast leid tun konnte, so oft wie er scheiterte. Aber der nahm zumindest sein Herz in die Hand. Leroy Sané, der auch in seinem 50. Länderspiel alles versuchte und doch nie befreit war. Die Defizite sind vielfältig, das größte Manko betrifft die immer wieder verheerend schwache, wackelige Abwehr.

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Die 16. Formation im 19. Flick-Spiel - was für ein Quatsch. Weil immer noch ein taktisches Kalkül von irgendeinem Assistenten mit berücksichtigt werden muss und weil Deutschlands Defensivspieler schlicht nicht mehr gut genug sind. Süle, Raum, Ginter, Kehrer, Klostermann, Günter, Rüdiger. Da findet sich gerade einer mit internationalem Format.

Der Sportchef des Norddeutschen Rundfunks, Gerd Gottlob © NDR / Christian Wyrwa Foto: NDR / Christian Wyrwa
AUDIO: Der Kommentar zum Nachhören (4 Min)

Weg vom "Wir wissen alles besser"-Mindset

Der DFB wird sich nicht neu erfinden, dafür ist er zu groß, zu schwer. Aber was für die Mannschaft, die Nachwuchsteams gilt, muss auch für den Verband selber gelten: Kommt endlich runter von eurem hohen Ross, von eurer Wichtigtuerei, von dem "Wir wissen alles besser"-Mindset.

Deutschland schlägt sein Basecamp am äußersten Zipfel des Landes auf und begründet die Missachtung der FIFA-Media-Regeln damit, dass drei Stunden Autofahrt zu einer Pressekonferenz für einen Spieler zu anstrengend wäre. 31 Nationen absolvieren diesen Part klaglos, nur der DFB weiß es besser und zahlt lächelnd eine fünfstellige Strafe. Nur ein kleines Beispiel.

DFB macht in alten Mustern weiter

Die Weltklasse ist weit entfernt von Deutschland. Nach dem WM-Titel 2014 gab es zwei Lichtblicke: den Auftritt bei Olympia 2016 und den ConfedCup 2017. Das waren Absprungmöglichkeiten für eine ernst gemeinte Weiterentwicklung. Stattdessen unterlag der DFB seiner eigenen Gewissheit und machte in alten Mustern weiter.

Präsident Bernd Neuendorf, Geschäftsführer Oliver Bierhoff und Bundestrainer Hansi Flick müssen hart analysieren, die eigenen Leistungen eingeschlossen, und handeln. Damit die EM im eigenen Land, die in 18 Monaten startet, nicht auch in einem sportlichen Desaster endet.

Mit Leidenschaft für den Adler kämpfen

Nach dem Debakel 2018 ist auch viel analysiert worden, aber das Resultat ist vier Jahre später das gleiche. Wie es anders gehen kann in einer Gruppe mit guten Typen, mit Lust am Spiel, mit Leidenschaft für den Adler zu kämpfen, mit einem Team, das ein Team war, haben wir bei dem fulminanten Auftritt der DFB-Frauen während der Euro gesehen. Die Spielerinnen und die Trainerin haben Anerkennung verdient und sie auch bekommen.

Die Männer-Nationalmannschaft muss ihre Haltung ändern, ihre Leistung verbessern, wenn sie die Zuneigung der deutschen Fußballgemeinde und den Anschluss an guten internationalen Fußball nicht verlieren will.

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Dieses Thema im Programm:

Sport aktuell | 02.12.2022 | 17:05 Uhr

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