Stand: 02.05.2020 08:32 Uhr

Männlich ist, was Männer tun

von Julia Heyde de López
Nils Pickert, Autor und Journalist © Benne Ochs Foto: Benne Ochs
Männer sollten Wünsche und Bedürfnisse ehrlich zeigen dürfen, sagt Autor Nils Pickert.

Der moderne Mann - eigentlich wurde er schon im Neuen Testament erfunden. Jesus war der komplette Gegenentwurf zu einem Macho. Und das, was wir heute "toxische Männlichkeit" nennen, war ihm fremd. Als toxisch werden Verhaltensmuster beschrieben, die dem Mann und seinem Umfeld schaden, erklärt der Journalist und Autor Nils Pickert. Wenn man beispielsweise einem Mann vermittle, dass es zum Mannsein dazugehöre, bei der Arbeit immer 110 Prozent zu geben, tue ihm das nicht gut, dann werde er krank. Und wenn er dann auch sein soziales und privates Leben danach ausrichte, dann bedeute das am Ende, dass Frauen in den meisten Fällen zu Hause mehr zu arbeiten hätten, während er sich im Job verausgabe. Es gebe aber auch noch sehr viel gefährlichere Konzepte davon, wenn es zum Beispiel um Gewalt gehe, wenn es um Situationen gehe, in denen Männer glauben, sich durchsetzen zu müssen, zu schreien", so Pickert.

Pickert: "Was Männer tun, ist männlich"

Steg am See im Sonnenuntergang. © Jenny Sturm/fotolia Foto: Jenny Sturm

AUDIO: Moment mal (3 Min)

Wenn Männer schädlichen Rollenvorstellungen folgen, tun sie das meistens, um ihre Identität nicht zu gefährden, ist er überzeugt. Deshalb braucht es Konzepte, die ihnen helfen, sich nicht mehr ständig beweisen zu müssen. "Wir könnten ja auch mal feststellen, dass das performativ wirkt. Das heißt, das, was Männer tun, ist männlich. Wenn also ein Mann mich streichelt, mich küsst, was Gutes tut, mich mit Schminke verschönert, dann ist das genauso männlich, wie wenn er mich hasst und mir was wegnimmt, weil beides tut ein Mann. Das ist ganz einfach", so Pinkert weiter.

Männer für Emotionen mehr Raum geben

Man müsse Männer also nicht "gefühliger" machen, sondern ihnen vor allem Raum geben, ihre eigenen Emotionen zuzulassen. Schon für Kinder sei das sehr wichtig, meint Pickert: Sie sollten ihre Wünsche und Bedürfnisse ehrlich zeigen dürfen. Das Gleiche rät er Erwachsenen: Steht mutig zu euch selbst! Und das sei jetzt nicht als erzwungene "Umerziehung" gemeint. Er habe kein Interesse daran, Männern ein Tanzprogramm zu verschreiben oder in Gruppen zu weinen, sagt Pickert lachend. Wer darauf Lust habe, könne das natürlich machen, aber ansonsten wäre er dafür, in allen Bereichen zu überprüfen, woher das komme, warum sich ihnen beispielsweise verbiete zu weinen. "Das Unnormale ist doch nicht, dass Männer weinen, sondern das Unnormale ist, dass sie es nicht tun sollten, obwohl es eigentlich eine ganz gute und heilsame Erfahrung ist."

Mann mit nacktem Oberkörpert posiert vor einem Laptop. © LoloStock/fotolia Foto: LoloStock
Für Männer ist es oft nicht leicht, sich aus alten Rollenbildern zu lösen.

Sich aus überkommenen Verhaltensmustern zu lösen, ist nicht leicht und dauert lange. Doch es lohnt, sich zu befreien. Vielleicht mit Jesus als Vorbild. Er hat die schrägen Blicke und Tuscheleien der Menschen freundlich übersehen, er hat Freiheit gelebt und sie anderen geschenkt. Tatsächlich im besten Sinne ein moderner Mann.

Dieses Thema im Programm:

NDR 2 | Moment mal | 03.05.2020 | 09:15 Uhr

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