Stand: 08.04.2020 13:05 Uhr

Ina Schmidt: "Spirituelles Vertrauen kann helfen"

"Schon und noch nicht." Karsamstag ist in der Ostergeschichte die Phase zwischen Katastrophe an Karfreitag und Auferstehung am Ostersonntag. Ina Schmidt ist Philosophin vom Institut "Denkräume". Sie ist Mitglied der Internationalen Gesellschaft für philosophische Praxis. Mit ihr geht Radiopastorin Susanne Richter der Frage nach: Was können uns die Bilder im Vorfeld der Ostergeschichte jetzt in der Corona-Krise sagen?

Wir sind am Karsamstag zwischen Karfreitag und Ostersonntag. Was ist für Sie das Besondere an dieser Situation?

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Philosophin Ina Schmidt blickt im Vorfeld von Ostern auf die Corona-Krise.

Ina Schmidt: Dieser Karsamstag ist ein sehr besonderer Zeitraum zwischen einer erlebten Krise, einer erlebten Katastrophe in der Ostergeschichte und dem Empfinden, dass die große Hoffnung, die dort in etwas gesetzt wird, nicht weiter bestehen kann und sich eben in diesem Tod, in diesem Verlust verflüchtigt hat. Und dieser Moment des darauf Wartens und nicht wissen, was daraus werden kann, ist in dem Moment, wenn man noch nicht weiß, dass daraus ein Erlösungsgeschehen kommt, erst einmal ein Moment der Erschütterung.

Im Moment haben wir durch die Corona-Krise im Außen auch ein verstörendes Element. Würden Sie sagen, da gibt es Ähnlichkeiten zur Ostergeschichte?

Schmidt: Dieser Moment des Zwischen-Etwas-Steckens, also einfach etwas erleben, was uns völlig unwahrscheinlich vorgekommen ist und uns eben wirklich verunsichert bis in die Grundfesten, also dass Dinge, die wir für völlig selbstverständlich gehalten haben, sich in so kurzer Zeit derartig verändert haben, ohne dass wir wissen, wohin die Reise geht, wohin wir vielleicht auch gesamtgesellschaftlich, aber eben auch in unserem ganz persönlichen Leben uns wenden sollen.

Es gibt ja eine doppelte Sicht auf das Geschehen einerseits, dass man alles sieht, was jetzt nicht mehr geht und dann gibt es auch Menschen, die sagen, sie können dem auch etwas abgewinnen. Da steckt Hoffnungspotential drin. Lässt sich diese Krise auch positiv sehen?

Schmidt: Es braucht Umstände, die uns nicht komplett den Boden unter den Füßen wegziehen. Also wenn wir jetzt in der Situation sind, dass wir gesund sind, oder keine große Angst um die Gesundheit unserer Liebsten haben müssen. Dann zeigt sich eben schon, ob wir uns von dieser Möglichkeit der Bedrohung in unserem Handeln leiten lassen wollen oder ob wir die Kraft und Vertrauen haben - eine innere Form der Resilienz, eine innere Ressource, die sich vielleicht jetzt auch gerade erst zeigt, die uns Zuversicht gibt. Viele sprechen davon, dass sie zur Besinnung kommen, vielleicht auch durch die Abwesenheit von Terminen oder Dingen.

In der Ostergeschichte ist es so, dass Jesus tot ist. Die Frauen am Grab wissen nicht, wie ihr Leben weitergehen kann. In dem Moment ist keine Hoffnung da. Dann kommt etwas von außen, was sie wieder hoffen lässt. Das ist keine innere Resilienz. Was sagen Sie als Philosophin zu so einer Möglichkeit?

Schmidt: Das ist eine sehr schwierige Frage, weil sie letztlich an etwas gebunden ist, was uns nur dann tatsächlich doch noch Hoffnung geben kann, wenn wir an etwas glauben, was eben dieses Außen ausmacht. Also wenn es so etwas wie eine Instanz, ein Prinzip oder eine Kraft geben kann, von der wir glauben, dass sie im Außen wirksam wird oder sich uns zeigt, wenn wir selbst nicht mehr wissen, wie es ein- und ausgehen soll. Ich glaube, dass wir ratloser sind, wenn wir keinen Glauben an eine Kraft in uns tragen. Dass es aber trotzdem Möglichkeiten gibt, sich eben auch ohne einen Schöpfergott an Kräfte zu wenden, die wir im Moment auch erfahren ... viele Menschen sind in der Natur, gehen im Wald spazieren gehen. Sie lassen sich von etwas beruhigen, was sie sonst nicht als Kraft wahrgenommen haben. Es entsteht dort so etwas wie ein spirituelles Vertrauen in etwas, was uns durchaus durch diese Zeit helfen kann.

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Welche Hoffnung in der Krise kennt die Philosophie?

Schmidt: Sie ist darauf aus, den Menschen zuzusprechen, die Kraft zu haben, sich im Denken, in der geistigen Begabung und in der eigenen Vernunftsfähigkeit, auch diesen Krisen und Katastrophen zuzuwenden. Dass ... sich ein chaotischer Zustand, der immer eine Katastrophe ist, also das Zusammenbrechen von gewohnten Orten und Zusammenhängen, zu etwas Anderem fügt. Und es gibt eben diesen ... Gegenbegriff zur Katastrophe, nämlich die Anastrophe, dass sich aus ... einem ungeordneten Zustand durch eine Krise oder Zerstörung erst einmal nicht wieder neu ordnen lässt, trotzdem im Guten zu etwas zusammenfindet.

Auf diesen Hintergrund, welche Bedeutung hat Ostern vielleicht auch dieses Jahr für Sie als Philosophin?

Schmidt: Ich muss schon sagen, dass mich das beschäftigt, dass wir diese Corona-Krise im Moment in und um die Osterzeit herum erleben. Und das ist eine Möglichkeit, sich in diesen Bildern noch einmal ganz persönlich und neu zu fragen: Was ist eigentlich die Krise für mich? Was ist das, was daraus entstehen kann? Was kann ich vielleicht beeinflussen? Welche Frage will ich stellen? Welches Gespräch wäre vielleicht eine Möglichkeit, das eine oder andere so zum Guten zu wenden, dass die Krise für mich nicht die Belastung ist, als die sie erscheint? Also Fragen, die sich durch die Corona-Krise stellen, tatsächlich durch diese Perspektive des Erlösungsgedankens in der Ostergeschichte noch einmal neu für sich zu reflektieren, finde ich fast eine tröstliche Möglichkeit auf eine grundsätzliche Ebene für sich fruchtbar zu machen.

Das Interview führte Susanne Richter. Redaktion: NDR

Dieses Thema im Programm:

NDR 2 | Moment mal | 11.04.2020 | 09:15 Uhr