Eine Bronze-Figur von Martin Luther steht vor einer Kirchenmauer. © NDR Foto: Josephine Lüttke

Quast statt Hammer - Genagelt oder nicht

Sendedatum: 31.10.2019 19:05 Uhr

Am Reformationstag taucht sie wieder auf - die Legende vom Hammer schwingenden Mönch. Aber hat Martin Luther tatsächlich seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg genagelt?

von Oliver Vorwald

Wittenberg, der 31. Oktober 1517: Es dämmert bereits, als ein Mann in Mönchskleidern zur Schlosskirche eilt. Es ist Dr. Martin Luther. Beim Gotteshaus angelangt, nagelt er mit schwungvollen Schlägen ein großes Plakat an die schwere Eichentür. Anschließend blickt er streitlustig den umstehenden Schaulustigen entgegen, deutet mit dem Hammer auf seine 95 Thesen. So jedenfalls zeigt ein berühmtes Gemälde den Urknall der Reformation. Bilder wie dieses stützen sich auf Aussagen langjähriger Weggefährten Luthers. Da gibt es eine Notiz von Georg Rörer, dem Sekretär des Reformators. Und dann wäre da noch ein Text von Philipp Melanchthon: "Und diese Thesen schlug er öffentlich an der Kirche neben dem Schloss an am Vorabend des Festes Allerheiligen im Jahr 1517." Philipp Melanchthon im Vorwort zu einer Ausgabe von Luthers Werken aus dem Jahr 1546.

Geschichte von Hammer und Nagel - eine Legende?

Martin Luther als Spielzeugfigur © Kirche im NDR Foto: Andrea Kaiser
Am 31. Oktober hämmert Luther 95 Thesen an eine Eichentür. Wie viel ist daran Legende?

Dennoch halten einige Forscher solche Sätze für Legende, schön gefärbte PR zum Reformationstag. Denn von Luther selbst gibt es keinen Vermerk zu Hammer und Nagel. Außerdem sind weder Melanchthon noch Luthers Sekretär Augenzeigen am 31. Oktober 1517. Und das weckt natürlich Zweifel bei einigen Wissenschaftlern. Für die Echtheit des Thesenanschlags wiederum spricht folgendes: Im Mittelalter sind Kirchentüren nämlich so etwas wie das schwarze Brett einer Stadt. Hier erfährt jede und jeder, was los ist im Land und in der Welt.

Die römische Kurie muss Vorladungen in einigen Orten öffentlich anschlagen lassen, damit sie rechtswirksam werden. Universitäten laden durch Aushänge zu Disputationen ein, junge Priester kündigen ihre erste Messe an. Außerdem nutzt die weltliche Obrigkeit die Kirchentüren. So geschehen 1466 in Basel für eine Protestnote des Stadtrats. Das Vorgehen hat ein Notar genau protokolliert. Und in diesem Protokoll vermerkt er auch, wie das Dokument angeschlagen worden ist.

Weggefährten von Martin Luther bezeugen Thesenanschlag

Wachs oder auch Leim. Damit sind im Mittelalter Bekanntmachungen an die Kirchentüren angeschlagen worden. Der Hammer schwingende Reformator gehört wohl tatsächlich in den Bereich der Legende, der Thesenanschlag nicht unbedingt. Schließlich ist diese Art der Publikation im Mittealter üblich, langjährige Weggefährten Luthers bezeugen sie. Statt mit dem Hammer könnte Martin Luther mit dem Quast auf die 95 Thesen deuten.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | 31.10.2019 | 19:05 Uhr

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