Kolumne: "Die andere Wange"
Der Krieg in der Ukraine ist in allen Medien beherrschendes Thema. Die Flut an Meldungen und Bildern ist für viele bedrückend. Und zu viele negative Nachrichten können viel Stress und Ängste auslösen.
Ich weiß nicht, wie Sie mit den vielen Nachrichten rund um den Krieg in der Ukraine umgehen. Ich habe mich bewusst dafür entschieden, rein militärische Nachrichten zu meiden. Ich brauche kein Update über den Frontverlauf. Ich stimme auch nicht ein in die bewundernden Jubelrufe über Studenten und alte Männer, die zur Waffe greifen. Mich macht das traurig. Ich habe Mitleid mit ihnen.
Mit Bildern Zweifel beim russischen Militär säen
Es gibt auch Berichte, Bilder und Videos, die ich voller Hochachtung und auch Rührung sehe. Ein russischer Panzer - und Menschen, die sich auf die Straße legen, um ihn aufzuhalten. Russische Soldaten, die in die Luft schießen - und singende Menschen, die langsam mit erhobenen Händen auf sie zugehen. Ein alter Mann, der auf russische Soldaten einredet und immer wieder sagt, dass sie doch Brüder seien und dass sie doch bitte einfach nach Hause gehen sollen. Hoffentlich gelingt es Ukrainern so, Zweifel bei den Angreifern zu säen: Was tun wir hier eigentlich? Ich denke dabei an das Wort von Jesus: "Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin!"
Ich sehe auch Bilder von Menschen, die andere trösten. Da ist das Mädchen, das in einem Schutzbunker ein Lied singt. Da ist Pfarrer Mateusz, der mit seiner Gemeinde im Luftschutzkeller einen Altar aufgebaut hat und Gottesdienst feiert.
"Vergebung ist das Geheimnis des Siegers"
Montag hat in den orthodoxen Kirchen die Fastenzeit begonnen. Der Sonntag davor ist traditionell der Sonntag der Vergebung. Der Kiewer Großerzbischof der ukrainisch-griechisch-katholischen Kirche hat in seiner Predigt gesagt: "Es ist schwer zu vergeben, wenn man in die Augen des Feindes blickt … Aber Vergebung ist das Geheimnis des Sieges."
Für alle Ukrainer beten

Ich sitze in Sicherheit und blicke nach draußen in das schöne Frühlingswetter. Ich weiß nicht, ob ich den Glauben hätte für die Feinde zu beten, die Kraft, anderen Trost zu spenden und den Mut, mich gewaltlos einem Panzer entgegenzustellen. Aber ich kann hier immerhin der Bitte vieler Ukrainer nachkommen und für alle beten, die unter diesem Krieg leiden.
Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Jeden Donnerstag vergeben die Radiopastoren und Redakteure ein Kreuz für Glauben, ein Herz für die Liebe oder einen Anker für das, was hoffen lässt.
