Die Astronauten-Kandidatin Insa Thiele-Eich © Die Astronautin

Im Anfang war das Wort mit Insa Thiele-Eich

Stand: 14.10.2020 09:20 Uhr

Faszination Weltall: Insa Thiele-Eich ist Meteorologin und Astronauten-Kandidatin. Der Vers aus Hiob "Gott breitet aus die Mitternacht über das Leere und hängt die Erde an nichts" ist dabei Leitfaden.

Wie übersetzen Sie für sich diesen Vers mit Ihren eigenen Worten?

Insa Thiele-Eich: Wenn ich mir vorstelle, dass ich auf der Raumstation bin ... und dann sieht man die Erde vor dem Hintergrund dieses Pechschwarzen, also da ist natürlich nicht nichts, da ist natürlich etwas, aber es sieht so aus, als sei da nichts. Das ist einfach eine sehr, vielleicht schöne, aber auch isolierende Vorstellung. Und das finde ich in diesem Vers wieder, mit der Leere und dem Nichts.

Ist das was Tröstliches?

Thiele-Eich: Es ist erst mal eine Tatsache, eine Zustandsbeschreibung. Tröstlich jetzt nicht unbedingt, aber ich kann da viele Emotionen wiederfinden.

Ist das für Sie mit Angst auch besetzt?

Thiele-Eich: Ich finde, das hängt immer sehr davon ab, in welcher Verfassung man gerade ist. Wenn man gerade eher etwas nachdenklicher oder sinnierender ist, stimmt so ein Bild nicht unbedingt positiv. Aber wenn man sich gerade an der Schönheit der Erde oder über die Faszination des Universums - und was da alles dahintersteckt - erfreut, dann ist so ein Bild sehr inspirierend, weil darin sehr viele Fragen stecken.

Welche Fragen stecken da drin?

Thiele-Eich: Was ist denn in diesem Nichts? Also ist da wirklich nichts oder steckt irgendwas dahinter? Wenn in diesem Bereich, den man nicht sieht, also ich habe immer noch die Erde vor meinem Auge und drumherum das Schwarz und auch den einen oder anderen Stern - wie funktioniert überhaupt das Leben auf der Erde vom großen globalen Kontext her, bis ins ganz Kleine, was man nicht von der Raumstation aus sehen kann. Und dann dahinter, wenn man die Erde jetzt wieder in der Perspektive des Planetensystems sieht und auch in ihrem Platz in der Milchstraße und auch in der der eigenen Galaxie und im Kontext zu vielen anderen Galaxien, die theoretisch auch da sind, aber die man nicht sehen kann, dann fallen mir unendlich viele Fragen ein.

Gott hängt die Erde über das Nichts. Welche Rolle spielt Vertrauen in Ihrer Arbeit?

Die Astronauten-Kandidatin Insa Thiele-Eich © Die Astronautin
Als Astronautin muss Insa Thiele-Eich viel Vertrauen haben - in die Menschen und die Technik.

Thiele-Eich: Bei uns in der Raumfahrt ist das so, dass wir sehr stark darauf vertrauen müssen, dass andere Menschen ihre Arbeit gut machen. Sei das jetzt im medizinischen Kontext, also wenn ich im Training bin, dass ich Vertrauen habe, dass sich alle Menschen gleich darum sorgen, dass ich gesund aus diesem Training herauskomme ... Es kann natürlich passieren, dass ich körperlich Schaden nehme. Und da ist Vertrauen auf der persönlichen Ebene ein ganz großer Teil und dann später natürlich auch beim Start, dass die Technik dahinter funktioniert.

Welche Rolle spielt Ihr Glauben dabei?

Thiele-Eich: … Wir sind als Kinder in der evangelischen Kirche groß geworden und da auch regelmäßig beim Kindergottesdienst gewesen. Und das spielte beim Legen des Grundsteins des Urvertrauens eine sehr große Rolle. Die Bilder, die im Glauben auch mit Vertrauen zu tun hatten, waren immer eher tröstliche Bilder. Später kam dann eine kritische Auseinandersetzung mit meinem Glauben hinzu. Das Vertrauen wurde zwar nicht in Frage gestellt, aber einige Punkte bedurften durchaus der Klärung.

Was waren damals die kritischen Punkte? Können Sie sich daran noch erinnern?

Thiele-Eich: Ja, ganz klar die Auferstehung … Das war für mich der Teil, wo ich als Naturwissenschaftlerin die größte Schwierigkeit hatte.

Und konnten Sie damals das Thema Auferstehung so übersetzen, dass Sie das verbinden konnten mit Wissenschaft?

Thiele-Eich: Nein, auf keinen Fall.

Bis jetzt noch nicht?

Thiele-Eich: Ich bin erst 37. Ich muss auch noch was zu tun haben. Das wäre langweilig, wenn ich jetzt schon zu Ende wäre.

Der Vers, den Sie sich ausgesucht haben, der stammt aus dem Buch Hiob, wo es auch um die erschreckende Seite Gottes geht. Und zentral um die Frage: Wo ist Gott im Leiden? Haben Sie damit schon einmal Kontakt gehabt?

Thiele-Eich: Auch in wenigen Jahren auf der Welt ist es tatsächlich möglich, schon sehr viel Leid zu erfahren. Und da bin ich auch nicht von ausgenommen … Als Klimaforscherin bekomme ich das einfach sehr viel deutlicher mit.

Meteorologin und Astronautin Insa Thiele-Eich zu Gast in der NDR Talk Show am 2. Februar 2018 © NDR/Uwe Ernst Foto: Uwe Ernst

AUDIO: Im Anfang war das Wort mit Insa Thiele-Eich (6 Min)

Haben Sie für sich da eine Möglichkeit gefunden, das zusammenzubringen mit der Vorstellung von: Es gibt einen guten Gott?

Thiele-Eich: Nein, überhaupt nicht. Also Klimaforschung und es gibt einen guten Gott - nein, da bin ich ganz klar. Das ist tatsächlich menschengemachter Klimawandel und da spielt Gott für mich im Moment ganz klar überhaupt keine Rolle …

Nein, ich meinte jetzt mehr: Sie haben sich ja nun einen Vers ausgesucht, wo Gott irgendwie als Schöpfer dargestellt wird. Das kann eine Motivation sein.

Thiele-Eich: Für wen ist es eine Motivation?

Für uns Menschen, aktiv zu werden.

Thiele-Eich: Ich glaube, die Motivation sollte unabhängig von Gott einfach in sich schon bestehen … Und gerade im Klimawandel steckt eine massive Ungerechtigkeit, die gerade mit christlichen Grundsätzen und Werten für mich überhaupt nicht in Einklang zu bringen ist.

An welche denken Sie?

Thiele-Eich: Das füreinander Dasein. Dass ich mit an meinen Nachbarn denke und nicht nur an mich selbst.

Spontane Antwort: Was hält das All zusammen?

Thiele-Eich: Alles.

Und was bleibt am Ende?

Thiele-Eich: Nichts.

Das Interview führte Susanne Richter. Redaktion: NDR

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Im Anfang war das Wort. Die Bibel | 17.10.2020 | 07:40 Uhr

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